Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 3. Teil. (Die Vorhalle unserer Bildergalerie und die Echtermeierschen Länderstatuen
Entstehung
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Wir gehen nun zu einer Beſprechung der Einzel⸗ figuren über. Zuvor ſuchen wir noch einmal die Aufgabe, die Echtermeier, den eigentlichen Auftrag etwas erweiternd, ſich geſtellt hatte, klar zu formulieren. Sie dürfte etwa lauten: Welche Bedeutung haben die Kulturländer Euro⸗ pas für die bildenden Künſte, ſpeziell für die Malerei gehabt?

II. Erklärung der Figuren.

Italien.

Als Fürſtin aufgefaßt wie faſt alle anderen Figuren, als Herrſcherin ſteht die ſchöne Erſcheinung in königlicher Pracht vor uns. Bis über die Füße fällt in dichten, weichen Falten die Alba hernieder, darüber liegt, an den Seiten geſchlitzt, doch mehrfach geheftet, und in der Mitte durch einen Gürtel gehalten, die ärmelloſe Dalmatika, aus ſchwerem, mit Metallfäden reich durchwirktem Brokatſtoffe, auf dem zierliches Bildwerk ſich wirkungsvoll abhebt. Das Haupt ſchmückt die Fürſtenkrone, die zugleich ein loſe über die rechte Schulter herabhängendes Kopftuch feſt⸗ hält. Der linke Arm umſchlingt liebevoll die auf ſchlanker ioniſcher Säule ſtehende Büſte Raffaels, und die Hand hält einen Lorbeerkranz. Die Rechte umfaßt den drei⸗ kreuzigen päpſtlichen Hirtenſtab mit dem Pannicello.

Die Sprache des Künſtlers iſt leicht verſtändlich, und die Antwort auf die Frage, welche Bedeutung Italien für die Malerei gehabt, wann und wie es am meiſten für die Entwickelung der Kunſt gethan hat, iſt klar und deut⸗ lich. Das Italien der Renaiſſance, das Italien der Kirche und der Päpſte, und zwar in der Zeit ihres höchſten Glanzes, im Zeitalter eines Julius II. und Leo X., der Rom zur unbeſtrittenen Welthauptſtadt der Kunſt machte, ſteht hier vor uns. Die Gewandung ſchon weiſt darauf hin. Es iſt die reiche venetianiſche Tracht des fünfzehnten Jahr⸗ hunderts, übrigens faſt genau einer bekannten Raffaelſchen Geſtalt entlehnt, der heiligen Cäcilia von Bologna. Wohl nicht ohne Abſicht lehnte ſich der Künſtler an das Raffaelſche Gemälde an, denn gerade dieſer gottbe⸗ gnadete Künſtler iſt es, den er als den größten Meiſter jener glorreichen Zeiten feiern, den er durch die von der Geſtalt zärtlich umarmte Büſte als den Liebling ſeines

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Landes kennzeichnen wollte.*) Wir werden dem Künſtler in dieſem Urteil gern folgen und Raffael den Lorbeer zuer⸗ kennen. Gegen ihn tritt auch in unſern Augen der zweite Bewerber um den Ehrenpreis, die große, erhabene, faſt dämoniſche Künſtlernatur Michelangelos zurück. Dieſer hat es nicht verſtanden, ſo deutlich und verſtändlich zu ſeinem Volke zu reden, wie jener hohe Genius, der, wie einſt Pheidias für die Hellenen die Götter vom Olymp herab⸗ holte, ſo ſeinem Volke die erhabenſten Bilder der Ideal⸗ geſtalten ſeiner Religion ſchuf, einen Gottvater, wie er nicht gewaltiger gedacht werden kann,**) die ſeelenvollen, lieblichen Unſchuldsgeſtalten ſeiner kindlichen Engel, vor allen Dingen aber das Marienideal, das er mit immer neuer Anteilnahme malte undin der Auffaſſung der liebenden Mutter in ſeligem Zuſammenſein mit dem Kinde in zahlloſen Darſtellungen verherrlichte und ſo in Paläſte und Hütten trug, weit über die Grenzen ſeines Vater⸗ landes.

Doch wir bleiben uns bewußt, und dies gilt zu gleich für alle folgenden Bilder daß alle dies Beiwerk, ſo geſchickt und gut es gewählt ſein mag, in keiner Weiſe den künſtleriſchen Wert der Figur bedingt. Dieſen werden wir erſt erfaſſen, wenn wir ſie aller Attribute entkleiden und unſer Augenmerk darauf richten, wie der Künſtler in einer wahrhaft ſchönen und fein charakteriſierten Idealge⸗ ſtalt in vortrefflicher Weiſe Typus und Charakter eines ganzen Volkes dargeſtellt hat.

Leicht und anmutig, auf dem rechten Fuße ruhend, den linken nur wenig entlaſtend zur Seite geſetzt, ſteht das ſchlanke und ſchöne Frauenbild da. Kopf und Ge⸗ ſichtsbildung zeigen die Romanin, wenn auch die Grund⸗ form des Geſichts, mehr oblong als oval, vielleicht auf Beimiſchung germaniſchen Blutes hinweiſt. Die ſchöne Frau Giovannina mag dem Künſtler als Modell gedient haben, aber wir haben es hier nicht mit einem Porträt zu thun, das Perſönliche iſt abgeſtreift und nur das Typiſche bewahrt. Beſonders fällt uns auf, wie fein dieſe von den beiden anderen romaniſchen Nationen unterſchieden iſt. Nicht das wilde Feuer, die trotzige ſelbſtbewußte Eigenart des Spaniers, nicht das überlegene, ſelbſtgefällige Weſen

*) Man muß freilich darauf hinweiſen, daß heute Raffael nicht mehr allgemein jener hohe Platz eingeräumt wird, den er in der Kunſtgeſchichte Jahrhundertelang behauptet hat, ſondern daß außer Michel Angelo vor allen Lionardo da Vinci ihm immer mehr als gleichberechtigt an die Seite geſtellt wird.

*) Allerdings lehnt er ſich in dieſer Darſtellung an die weit berühmtere Michel Angelos in der Sixtina an.

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