darum nicht und wird auch nie verſchwinden. Von Kephi⸗ ſodots Plutos und Eirene bis zur Geſtalt des Weltfriedens, die demnächſt über dem Eingange der Pariſer Weltaus⸗ ſtellung prangen wird, finden wir ſie, wenn auch nicht immer im ſelben Maßeo, ſtets und überall vertreten.*)
Weshalb greift denn nun Leſſing die Allegorie an, und worin liegen ihre Gefahren?
Es liegt von vornherein auf der Hand, daß bei allegoriſchen Darſtellungen die Thätigkeit des Künſtlers eigentlich in eine falſche Bahn geleitet wird, inſofern ſich die Aufgabe mehr an den grübelnden Verſtand als an die Fantaſie wendet.
Es giebt hier freilich Stufen und Unterſchiede. Bei den berühmten Geſtalten Michelangelos z. B. in der Me⸗ diceerkapelle in Florenz, die unter dem Namen Tag und Nacht, Abend und Morgen bekannt ſind, haben wir es nicht mit einer willkürlichen oder äußerlichen Perſonifika⸗ tion abſtrakter Begriffe zu thun, es iſt vielmehr der ein⸗ ſchlafende und erwachende, der ſchlummernde und wache Menſch, den wir hier ſehen. Das homeriſche 1εo„via einerſeits und das Wiedererwachen des Lebens anderer⸗ ſeits, das Sichdehnen und Strecken der Glieder iſt hier in denkbar vollkommenſter Weiſe dargeſtellt, und zwar wird die Idee nicht durch Beiwerk und Attribute verſtändlich gemacht, ſondern die Figur ſelbſt verkörpert den Gedanken. Aber ſo liegt es in den meiſten Fällen nicht. Vielmehr muß der Künſtler, um verſtanden zu werden, durch Unter⸗
*) Gerade unſere Stadt iſt reich an allegoriſchen Darſtellungen. Es ſeien nur einige Beiſpiele namhaft gemacht. Zuerſt alſo die 19 beſprochenen Figuren Echtermeiers. Ferner Lyceum Frideri- cianum: Ora et labora(Gebet und Arbeit)(1779).— Museum Fridericianum: Philoſophie, Mathematik, bildende Kunſt(Malerei), Architektur, Geſchichte(?) und Aſtronomie(von den Gebrüdern Hayd und Nahl jun. um 1779).— Kunſthaus: 2 Karyatiden(Architektur und Skulptur) 3 Dachfiguren: Kunſt und Viſeenſchaft, die drei letzteren von Haſſenpflug(1872.)— Bildergalerie: Architektur, Skulptur, Malerei(Hiſtorien⸗, Genre⸗, Tier⸗ und Landſchafts⸗ malerei) nach Zeichnungen von Haſſenpflug(1877.)— Juſtiz⸗ palaſt: Die für die edelen und ſittlichen Güter wie für das materielle Wohl des Volkes ſorgende Regierung(2 Gruppen von Guſtav Kaupert) und ihre Kraft(die beiden Löwen von Brandt); die für das Recht des einzelnen(Civilrecht) wie für die allgemeine Sicherheit(Strafrecht) ſorgende Juſtiz(2 Gruppen von Pohlmann) und die forſchende(unter⸗ ſuchende), frei blickende und richtende, verſchleierte Weisheit,(2 Sphinxe von Karl Begas).— Wimmeldenkmal(1898): Die Geſchichte. — Schloß in Wilhelmshöhe: Nacht und Morgen.— Reichs⸗ poſtgebäude(1881): Poſt⸗ und Telegraphie.— Ganz abzuſehen von den ſehr zahlreichen Figuren, die zum Schmuck an Privathäuſern angebracht ſind und die Jahreszeiten, Handel und Gewerbe und Berufsarten darſtellen, oder auf Gräbern, und Begriffe wie Glaube, Liebe, Hoffnung, Treue u. ſ. w. perſonifizieren.
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ſchriften oder gar durch weitläufige Kommentare dem Beſchauer klar machen, was dieſer an ſich nicht verſtehen könnte. Und dies eben iſt die erſte und größte Gefahr der Alle⸗ gorie, vor der ſchon Leſſing warnt, nämlich der Mangel an Deutlichkeit.
Freilich bietet ſich dem Künſtler, der unmöglich alle ſeine Tugenden und Laſter, Künſte und Viſſenſchaften, Flüſſe, Städte und Länder, die er in Menſchengeſtalt dar⸗ ſtellen will, durch Geſicht und Haltung kenntlich machen kann, ein Mittel dar, um verſtändlich zu werden, nämlich äußerliches Beiwerk und Attribute. Doch incidit in Scyllam qui vult vitare Charybdin. Bald wirkt das Attribut unharmoniſch, weil es ſich der Auffaſſung der ganzen Figur nicht genügend anpaßt, oder es beeinträchtigt durch Größe oder Geſtalt ihre Freiheit und Haltung, oder der Künſtler thut zu viel, um deutlich zu werden, und das Beiwerk wirkt drückend und belaſtend.
Dieſe Bemerkungen, die wir hier nur andeu⸗ tungsweiſe geben konnten, ſollen uns zu einigen Grund⸗ ſätzen führen für die Beurteilung allegoriſcher Dar⸗ ſtellungen im allgemeinen und für die Echtermeierſchen, auf deren Betrachtung wir nun näher eingehen wollen, im beſondern. Die Forderungen, die wir aufſtellen möchten ſind folgende:
1) die Allegorie muß für diejenigen, an die ſie ſich wendet, für die ſie beſtimmt iſt, ohne Kommentar verſtänd⸗ lich ſein. Am beſten wird die Verſtändlichkeit durch die Figur ſelbſt erreicht; in zweiter Linie durch ihren Stand⸗ ort und erſt in dritter durch Beiwerk und Attribute.
2) Das ganze Werk muß in ſich harmoniſch, es muß ein organiſches Ganzes ſein, kurz, es muß Seele haben. Geſichtsausdruck und Körperhaltung muß mit dem Bei⸗ werk in Einklang ſtehen, nichts darf die Idee des Ganzen ſtören. Vor allem aber dürfen die Attribute weder durch Maſſe noch durch Größe auf die Geſtalt drücken oder ihre Freiheit nachteilig beeinfluſſen.
3) Über allen Einzelforderungen ſteht natürlich das oberſte Geſetz der Kunſt, das Geſetz der Schönheit. Das Skelett mit Hippe und Zeitglas, das Bernini ſogar in die plaſtiſche Kunſt einführte*), läßt zwar an Verſtändlichkeit nichts zu wünſchen übrig, und doch wenden wir uns mit Abſcheu von ihm ab, wo es uns in der Kunſt begegnet.
Dieſe Grundſätze alſo werden wir bei der Betrachtung der Figuren im Auge behalten, auf ſie werden wir am Schluſſe zurückkommen müſſen.
*) S. Blümner, S. 48.


