des Laokoon,— ſo laſſen die wenigen Andeutungen ſeine Anſichten ziemlich klar erkennen.—
Die Anwendung der Allegorie in der Kunſt hat eine lange Geſchichte*). In der Skulptur ſpeziell ſehen wir ſie ſchon, wenn auch ſpärlich, in der Blütezeit der griechiſchen Kunſt, mit Vorliebe dagegen von den Römern verwendet. Das Erbe der Antike tritt die alte chriſtliche Kunſt an, die die heidniſchen Darſtellungen in ihrem Sinne ummodelt und zu den vorhandenen Geſtalten neue hinzufügt. Die Renaiſſance bringt neue Ideen: Raffael und Michelangelo liefern reiche Beweiſe. Ihre höchſten Triumphe, wenn auch nicht im guten Sinne, feiert die Allegorie dann in der Barockzeit, und Bernini ſchafft wahre allegoriſche Unge⸗ heuer. Erſt unſer Jahrhundert kehrt mit Canova und Thorwaldſen zu größerer Mäßigung zurück. Aber ganz ohne Allegorie auszukommen, völlig auf ſie zu verzichten ſcheint ſpeziell der Bildhauerei unmöglich. Die meiſten unſerer modernen Denkmäler von Schadows Blücher bis zum Niederwalddenkmal und den neueſten Sieges⸗ und Kriegerdenkmälern weiſen ungezählte allegoriſche Geſtalten auf, wenn auch in neueſter Zeit, falls wir richtig beob⸗ achten, gegenteilige Beſtrebungen Raum gewinnen. Wir möchten an dieſer Stelle rühmend auf Everdings Philipps⸗ denkmal hinweiſen, das in dem Sockelſchmuck viel packen⸗ der wirkt und für ſeinen Helden zu erwärmen weiß, als es durch abgenutzte, ſchematiſche Allegorieen hätte geſchehen können.
Leſſing aber hatte jedenfalls ganz beſonderen Anlaß, gegen Ausſchreitungen der Allegorie, die er in der Vorrede zu ſeinem Laokoon als Allegoriſterei bezeichnet, vorzugehen. Denn gerade am Ende des ſiebenzehnten und am Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war dieſe Neigung auf allen Gebieten der Kunſt zu einer förmlichen Sucht geworden, und ſelbſt Meiſter wie Rubens ſuchten darin zu glänzen. Leſſing alſo bekämpft dieſe Kunſtrichtung, jedoch mit ver⸗ ſchiedenem Glücke. Am erfolgreichſten waren ſeine Be⸗ ſtrebungen auf dem Gebiete der Dichtkunſt, und wir können wohl ſagen, daß die Allegorie hier ſeit jener Zeit ſo gut wie verſchwunden iſt. Außer bei Hochzeits⸗ und ſonſtigen Feſt⸗ ſpielen dürfte ſie ſich als ſelbſtändige Dichtungsform heute kaum noch zeigen. Auch die Malerei iſt mehr und mehr von ihr zurückgekommen und ſcheint ſie heutzutage, abgeſehen viel⸗ leicht von der franzöſiſchen, mit Bewußtſein zu meiden*). Anders aber liegt die Sache, wie wir bereits bemerkten,
*) Vergl. Blümner, Laokoonſtudien, 1. Heft. Uber den Ge⸗ brauch der Allegorie, S. 9—63.
***) Vergl. Blümner a. a. O. S. 61.
auf dem Gebiete der Skulptur. Zwar dürfte man wohl behaupten, daß der frei ſchaffende Künſtler ſie auch hier nicht ſucht. Doch in ſehr vielen Fällen ſtellt ſich der Künſtler eben ſeine Aufgabe nicht ſelbſt, ſondern iſt ab⸗ hängig von ſeinem Auftraggeber, dem er oft gegen ſeine beſſere Überzeugung Zugeſtändniſſe machen muß, außer⸗ dem aber iſt er im Vergleich zur Malerei vielfach beſchränkt durch den Raum und die Darſtellungsmittel, oft hat er nur eine ſchmale Niſche oder ein Poſtament, das nur Platz für eine Einzelfigur gewährt, und doch ſoll er mit dieſer einen Figur dann vieles ſagen. Die Titel mancher Werke könnten dazu verleiten, obige Behauptung anzuzweifeln, aber man muß ſich hüten, alle die Schöpfungen, die alle⸗ goriſche Namen führen, als wirkliche Allegorieen anzuſehen. In manchen Fällen entſteht zuerſt das Kunſtwerk, und erſt nachher ſucht der Künſtler nach einer paſſenden Bezeichnung, die oft nur in einem ſehr loſen Zuſammenhange mit der Schöpfung ſelbſt ſteht. Wenn Stanislaus Cauer in Rom eine ſeiner reizenden Mädchengeſtalten als Pſyche bezeichnete, ſo verdankt die Schöpfung weder dem Studium der alten Mytho⸗ logie im allgemeinen noch der Begeiſterung für Apulejus' Märchen im beſonderen ihren Urſprung. Der Zauber und die Anmut des lieblichen Mädchens, halb Kind, halb Jungfrau, der Liebreiz der eben ſich erſchließenden Knospe, kurz die Schönheit des erhabenſten Gebildes aus der Hand des Schöpfers war es, was den jungen Künſtler begeiſterte und ihn zum Nachbilden zwang.*) Der Name wurde mehr willkürlich nachher gewählt. Die Gründe, die bei der Wahl eines ſolchen Namens eine Rolle ſpielen, ſind oft äußerer, ja bisweilen ganz proſaiſcher Natur.
Es bedarf kaum einer beſonderen Erwähnung, daß es thöricht wäre, etwa bei Gräfs Märchen oder bei den ſieben Todſünden, der Abundantia, den fünf Sinnen oder den Jahreszeiten von Hans Makart an Allegorieen zu denken.
Alſo wir ſtellen feſt, daß einmal nicht alles Allegorie iſt, was ſich dafür ausgiebt, daß ferner die Neigung zu allegoriſcher Darſtellung ſelbſt auf dem Gebiete der Skulptur ſeit Leſſing zurückgegangen iſt, aber verſchwunden iſt ſie
*) Dem ewigen Schöpfer zu folgen und das Meiſterwerk ſeiner Hand, dies„herrliche Lebensgebäude“ nachzuſchaffen, das iſt und bleibt die oberſte und herrlichſte Aufgabe des bildenden Künſtlers. „Ich bin nun recht im Studium der Menſchengeſtalt, welche das non plus ultra allens menſchlichen Wiſſens und Thuens iſt“ ſagt Goethe einmal; und an anderer Stelle dichtet er:
Tauſendfach und ſchön entfließe Form aus Formen deiner Hand, Und im Menſchenbild genieße, Daß ein Gott ſich hergewandt.
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