Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 3. Teil. (Die Vorhalle unserer Bildergalerie und die Echtermeierschen Länderstatuen
Entstehung
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gründen, verlangte Echtermeier die geringe Summe von 64000 Mark, in der That ein ſehr mäßiges Honorar, zumal wenn man bedenkt, daß der vierte Theil allein durch den Ankauf der Marmorblöcke verſchlungen wurde. Und wie leicht konnte durch einen falſchen Meißelſchlag oder einen Fehler im Innern des Steines ein ganzer ſolcher Block unbrauchbar werden. In der That zeigte ſich bei einem plötzlich eine ſchwarze Ader, ſodaß er durch einen neuen erſetzt werden mußte, und nur königlicher Gnade verdankte es der Künſtler, daß er den Schaden nicht ſelbſt zu tragen hatte. Da nun die Bauſumme wegen Freilegung der Umgebung ſo wie ſo erhöht werden mußte, beantragte von Dehn⸗Rotfelſer zugleich, die Figuren in Marmor ausführen laſſen zu dürfen. Im Früh⸗ jahr 1877 wurden zu den in dem erſten Voranſchlag beantragten 900 000 Mark weitere 300000 bewilligt, und ſo konnte Echtermeier von neuem an die Arbeit gehen, dem erſten Marmorſtandbilde die ſieben anderen folgen zu laſſen. Aber bis zum Jahre 1879 blieb Griechenland die einzige Statue, die in Marmor ausgeführt an ihrem Platze ſtand. Deutſchland, Italien und Spanien waren zwar auch bereits aufgeſtellt, aber einſtweilen nur in ſteariniſierten Gipsab⸗ güſſen. Erſt nach fünfjähriger Arbeit war das ganze Werk vollendet. Im Mai des Jahres 1882 wurden auch die letzten beiden Paare der Künſtler hat die Figuren nämlich immer paarweiſe geſchaffen, zuerſt Griechenland und Rom, dann Frankreich und England, Deutſchland und die Niederlande, endlich Italien und Spanien an Stelle der Gipsbilder geſtellt. Dieſe Gipsmodelle ſind ſpäter von der braunſchweigiſchen Regierung angekauft und haben in einer Rotunde des herzoglichen Muſeums Aufſtellung gefunden.

Alſo die Aufgabe, die von Dehn⸗Rotfelſer dem Künſt⸗ ler geſtellt hatte, war, die Länder Europas darzuſtellen, in denen die Malerei zur Blüte gelangt ſei. Da ein Land als abſtrakter Begriff nicht darſtellbar iſt, war der Künſtler auf die Form der Allegorie angewieſen. Indes er brauchte nicht lange zu ſuchen; ſeit Jahrtauſenden hatte ſich in der Kunſt wie für die Darſtellung von Flüſſen, Meeren, Natur⸗ kräften, Elementen uſw. ſo auch für Länder die Perſonifikation und zwar die weibliche Figur eingebürgert. Die Kunſt ſteht hier, wie überhaupt in den meiſten allegoriſchen Darſtellungen, bewußt oder unbewußt, im Banne polytheiſtiſcher Anſchau⸗ ungen, ſie hat das Erbe der Antike angetreten. Dabei iſt freilich unvermerkt das, was einſtmals künſtleriſche Intuition, Ausdruck religiöſen Empfindens war, heute vielfach auf das Niveau verſtandesfroſtiger Reflexion herabgeſunken, und nur der Künſtler wird ſich über den handwerksmäßigen Nachahmer des Alten erheben und wird ſeiner abſtrakten

Idee Leben und Seele einzuhauchen vermögen, in deſſen Innerem etwas von dem Polytheismus der Griechen lebt. In dem Geſagten liegt übrigens auch die Erklärung dafür, daß in der Kunſt die Frauengeſtalt für die Darſtellung von Ländern üblich geworden iſt. Unſere Sprache würde eigent⸗ lich an ſich nicht darauf hinführen, die Länder weiblich aufzufaſſen, die Namen der Länder ſind bei uns ja meiſt geſchlechtslos, aber da Griechen und Römer, durch ihre Sprache veranlaßt, Länder in Frauengeſtalt bildeten, hat ſich dieſer Brauch eingebürgert und nach dem Vorbilde einer Roma ſchafft die moderne Kunſt eine Germania, Boruſſia, Bavaria, ja eine Berolina und Caſſalla*). Sie wählt ſelbſt da das Frauenbild, wo es gilt, die männlichſten Tugenden zu preiſen, Mut und Tapferkeit im Kriege. Die erzgepanzerte Stadtgöttin Athens freilich lieferte auch für dieſe Frauen, wie ſie auf unſeren Kriegerdenkmälern thronen, ein klaſſiſches Vorbild.

In unſerm Falle kam die Tradition übrigens dem Künſtler vielleicht noch beſonders zu ſtatten, da es hier nicht galt, Kampfesmut, ſieghafte Kraft und Schwert tüchtigkeit der Völker zu preiſen, ſondern die edelſten und zarteſten Blüten, die die ſeeliſchen Kräfte, Gemüt und Fantaſie, im warmen Scheine des Friedens getrieben, was ſie auf dem Gebiete des Schönen geleiſtet haben, zu ver⸗ herrlichen. Wenn aber der Künſtler in den Zügen des Geſichts die edelſten Eigenſchaften der Volksſeele, himm liſche Begeiſterung für die höchſten Ideale der Menſchheit, wenn er in den Geſtalten ſelbſt Schönheit und Anmut darſtellen wollte, nun, ſo mußte ihm ſicher die Geſtalt der Frau willkommener ſein als die des Mannes.

Aber wenn nun auch dieſe Darſtellungsart, die Per⸗ ſonifikation, durch mehrtauſendjährige Anwendung hiſto⸗ riſche Berechtigung erlangt hat, ſo birgt ſie Gefahren, deren man ſich bewußt ſein muß, um zu einem ſicheren äſtheti⸗ ſchen Urteile zu gelangen.

4. Die Allegorie in der bildenden Kunſt.

Schon Leſſing hat dieſe Geſahren der Allegorie und zwar auf den verſchiedenſten Gebieten der Kunſt erkannt und vor ihnen gewarnt. Wenn er das Problem auch mehr geſtreift als endgiltig gelöſt hat**), er verſchob eine ein⸗ gehende Behandlung wohl auf den geplanten dritten Teil

*) S. Deckengemälde von Knackfuß im Treppenaufgang des Regierungsgebäudes.

**) S. Laokoon: Einleitung und Buch 10, und Wie die Alten den Tod gebildet.