dem berühmten Sebaldusgrabe in Nürnberg. Damit er ſeine ganze Zeit in der Werkſtatt verbringen könne, nahm die Mutter ihm das Geſchäft des Austragens ab. Aber noch war ſein Talent, eingeſchloſſen in der Stille ſeines Arbeitsraumes, der Welt verborgen geblieben. Was zu— erſt die öffentliche Aufmerkſamkeit auf ihn lenkte, wie der junge Künſtler„entdeckt“ wurde, das wird uns in einem kleinen Aufſatze über Echtermeier in der Dresdener Zei⸗ tung(Juli 1876) in folgender Weiſe erzählt.„Louis Spohr, der berühmte Muſiker, ſtarb in Kaſſel, als unſer Kunſtjünger kaum vierzehn Jahre alt war. Mit des Kom⸗ poniſten Büſte konnte nun ein gutes Geſchäft gemacht werden. Aber die einzige Totenmaske befand ſich in den Händen eines Kunſtdilettanten, der ſie nicht herausgab, weil er ſelbſt das Gipsporträt modellierte. Als ſein Produkt am Schaufenſter ſtand, kam Echtermeier, der den Gipsabguß nicht kaufen konnte, auf den Gedanken, nach dem ausgeſtellten Vorbilde zu arbeiten. Aber ehrliche geiſtige Anleihen ſind zuweilen noch ſchwieriger als mate⸗ rielle. Der Knabe lief hundertmal zwiſchen dem Schau⸗ fenſter und ſeiner Werkſtatt, ehe er, aus dem Gedächtnis Zug um Zug reproduzierend, des Tonmeiſters impoſanten Kopf zu ſtande brachte... Der Kleine erlebte den Triumph, daß der Verfertiger des Originals die Kopie vor⸗ zog“. Das war im Jahre 1859. Die Sache wurde bekannt, und zwei Lehrer der hieſigen Akademie, Ruhl und Müller, nahmen ſich des talentvollen Knaben an. Freilich entbehrte die Anſtalt damals eines Skulpturenateliers, das die kur⸗ fürſtliche Regierung ſeit Werner Henſchels Abgang hatte eingehen laſſen. Doch es fand ſich eine alte Rumpel⸗ kammer uuter dem Dache, die man dem eifrigen Schüler anwies. Hier knetete und formte er nach Herzensluſt Götter und Menſchen und füllte bald den unwirtlichen Raum mit den Schöpfungen ſeiner Fantaſie. Da er indes eines eigentlichen Meiſters entbehrte, konnte ſeines Bleibens hier nicht lange ſein. München, ſeit Ludwig I. der Mittelpunkt der deutſchen Kunſt, war das Ziel ſeiner Wünſche, und im Jahre 1865 machte ein Reiſeſtipendium es ihm möglich, für eine Zeit nach dort überzuſiedeln. Freilich war er auch hier wieder weſentlich auf ſich angewieſen, da die be⸗ reits überfüllte Skulpturenklaſſe keinen Schüler mehr auf— nahm. Die Antikenſammlung der Glyptothek, die erſte Deutſchlands, wurde die Schule des jungen Autodidakten. Hier übte er Auge und Hand, wenn auch eigentlich jedes Abzeichnen ſtreng unterſagt war. Aber„mit demſelben Eifer wie er einſt Spohrs Büſte durch heimliche Anleihen zu ſtande gebracht, borgte er in kecken Strichen jetzt die klaſſiſchen Skulpturen, wenn des Aufſehers Argusaugen
abgewendet waren, und ſtahl die Götter wie vordem den Meiſter der göttlichen Kunſt.“*)
Doch das Stipendium war gering und ſchmolz ſchnell zuſammen, aber in umgekehrtem Verhältnis wuchs der Eifer und Arbeitsdrang des jungen Künſtlers, und neben der unausgeſetzten receptiven Thätigkeit fand er noch Zeit zu produktivem Schaffen: der fünfmonatige Aufenthalt zeitigte drei Werke, einen ſchlafenden Faun, die Gruppe Faun und Amor und eine knieende Maria mit dem Chriſtuskinde.
Nach einem nochmaligen kürzeren Aufenthalte in München wanderte er 1867 nach Dresden und kam jetzt zum erſten Male in das Atelier eines namhaften Künſtlers, er wurde ein Schüler Hähnels. Schon in dem erſten Jahre ſeiner Lehr⸗ zeit konnte er unter des Meiſters Leitung ſein Meiſterſtück machen. Mit ſeinem tanzenden Faun begründete er ſeinen Ruhm und machte ſich einen Namen in der Künſtlerwelt. Das Münchener Kunſtausſtellungs⸗Komitee kaufte die Figur an und als Echtermeier ſpäter in der Bacchantin ein Gegen⸗ ſtück ſchuf, erhielt er im Jahre 1874 den Auftrag, beide Figuren in Bronze für die Berliner Nationalgalerie zu liefern. Eine nochmalige Reproduktion aus Sandſtein in größerem Maßſtabe fand Aufſtellung auf der Baluſtrade am Portal des Dresdener Hoftheaters.
Hier in Kaſſel, wo die Modelle der Echtermeierſchen Arbeiten teilweiſe ausgeſtellt wurden, folgte man, wie uns Zeitungsnotizen beweiſen, mit Aufmerkſamkeit den Fort⸗ ſchritten des Künſtlers. Hatte ſchon im Jahre 1865 ein Beſucher des Kunſthauſes in dem Verfertiger der Büſte ſeines Lehrers, des Prof. Müller, und einer Faunſtatuette das keimende Talent erkannt und ihm eine große Zukunft geweisſagt, ſo leſen wir nach der Ausſtellung der genannten neueren Werke ein begeiſtertes Urteil über die Schöpfungen des Landsmannes.
War auch die eigentliche Lehrzeit ſomit beendet, ſo fehlte doch noch eins zur vollen künſtleriſchen Ausbildung. Wie in der Seele eines jeden jungen Künſtlers, ſo lebte auch in der ſeinen eine tiefe Sehnſucht, der Zug nach dem Süden. In dem großen Kriegsjahre er⸗ füllte ſich dem Fünfundzwanzigjährigen auch dieſer Wunſch. An der Seite der jungen Gattin zog er über die Alpen und ſchaute die Wunder, die antike und mittelalterliche Kunſt in den Kirchen, Paläſten und Sammlungen Italiens in ſo überreichem Maße aufgeſtapelt hat. Außer in Florenz verweilte er beſonders in der Welthauptſtadt der Kunſt, der ewigen Roma. Gefördert an Wiſſen und Können, kehrte er nach Dresden zurück. Auf kurze Zeit tritt er
*) Dresd. Zeitg. a. a. O.


