Banne des überraſchenden Anblickes ſtehen wir geblendet von der Schönheit und Anmut, die aus kaltem, formloſem Steine des Künſtlers Hand gebildet hat. Sanft umſtrahlt von einem warmen Lichte, das, gedämpft durch das gelb⸗ liche, rotverzierte Glas der Decke, goldig auf ſie herab⸗ ſtrömt und den Stein zum Leben erweckt, gehoben durch den ruhigen Hintergrund weiter Wandflächen in mattem Blau, ſtehen in feierlich ernſter Verſammlung, ſtrahlend im reinſten Weiß des karrariſchen Marmors, acht hehre Frauengeſtalten vor uns und zwingen uns zu längerer genießender Betrachtung. Was ſtellen die Bilder dar? Worin liegt ihre Schönheit? Was bedeuten ſie gerade an dieſer Stelle? Dieſe Fragen tauchen von ſelbſt in uns auf und verlangen eine Antwort.
Die Unterſchriften der Bilder ſagen, daß wir die Vertreterinnen von acht Ländern vor uns haben. Es ſind die Kulturſtaaten Europas. Aber ein Blick überzeugt uns, daß der Künſtler nicht eine erſchöpfende Charakteriſtik der betreffenden Völker beabſichtigt, daß nicht die Bedeutung dargeſtellt werden ſoll, die dieſe Länder in der Weltge⸗ ſchichte gehabt haben. Die Kränze, die die Figuren in den Händen tragen, oder mit denen ſie ihr Haupt ſchmücken, Oliven⸗ und Lorbeerzweige, kurz alle Attribute beweiſen, daß der Künſtler ſie nur nach einer Seite charakteriſieren und würdigen will, nämlich nach der Seite der Kunſt.
Nur ein leichtfertiger Beſchauer wird achtlos an dieſen Kunſtwerken vorübergehen oder ſich mit einem flüch⸗ tigen Blicke begnügen. Dieſe Kunſt redet auch zu dem Laien, und es bedarf in der That keines beſonderen Kunſt⸗ verſtandes, um dieſe Werke äſthetiſch zu würdigen, um Freude an ihrer Schönheit zu haben. Aber ſchon die Achtung vor der fleißigen Arbeit ſollte es einem jeden verbieten, gleichgültig an einem Werke vorüberzugehen, an dem ein begeiſterter, junger Künſtler zehn Jahre, und zwar die beſten ſeines Lebens, mit Ernſt und Hingabe gear⸗ beitet hat.
Für uns Kaſſeler aber kommt noch etwas anderes hinzu, dieſen Bildern unſere beſondere Teilnahme zu ſichern, iſt es doch ein Landsmann von uns, der ſie geſchaffen hat.
Karl Echtermeier iſt am 27. Oktober 1845 in unſerer Stadt geboren und hat die erſten zwanzig Jahre ſeines Lebens hier verbracht. Er iſt ein Schüler unſerer Aka⸗ demie der bildenden Künſte, die er mehrere Jahre beſuchte, und auf der er den erſten eigentlichen Unterricht genoß. Wenn er auch ſeit dem Jahre 1865, wo er Kaſſel verließ, nie wieder dauernd in ſeine Vaterſtadt zurückgekehrt iſt, ſo hat er die Beziehungen zu ihr doch aufrecht erhalten, indem er
ſeine Kunſt vielfach in ihren Dienſt ſtellte, und durch zahl⸗ reiche Denkmäler und Skulpturen ſeinen Namen hier ver⸗ ewigte. Außer den acht Länderſtatuen(vollendet Mai 1882), ſchuf er für die Galerie noch die zwei 3 m hohen Karyatiden aus Sandſtein an dem Südportal des Ge⸗ bäudes und die Modelle für die Genien und Greifen, die die Mittel⸗ und Eckakroterien der ſechs Giebel bilden. Ferner entſtammen ſeiner Werkſtatt das Schomburg-Denkmal auf dem Meßplatze(enthüllt am 11. Oktober 1879) und die allegoriſchen Figuren des Löwenbrunnens am Friedrich— Wilhelmsplatze, vier Nymphen, die die Hauptflüſſe unſeres Landes, Fulda, Werra, Eder und Lahn darſtellen,(enthüllt 20. Auguſt 1881). Auch zur Ausſchmückung des Juſtiz⸗ gebäudes(vollendet 1880), trug er bei durch die vier Ge— ſtalten Rechtswiſſenſchaft, Geſchichte, Religion und Philo— ſophie; und endlich finden wir auf einem Grabe unſeres Friedhofes eine liebliche Engelsgeſtalt von ſeiner Hand, die dem Kinde, das ſeinen Eltern durch einen erſchütternden Unglücksfall jäh entriſſen wurde und hier unter dem Raſen liegt, durch die ſegnende Haltung der Hand ſanfte Ruhe und ewigen Frieden zu verbürgen ſcheint.(Quartier 17.)
2. Echtermeiers Leben und Werke.
Wenn bisher über das Leben und Wirken Echter⸗ meiers ſo wenig in die Offentlichkeit gedrungen iſt, daß wir ſelbſt hier in Kaſſel, obwohl ſich Veranlaſſung genug geboten hätte, vergeblich in unſeren Tageblättern, Katalogen und Ortsbeſchreibungen nach einem Berichte über unſern berühmten Landsmann ſuchen, ſo mag das dem beſcheidenen Sinne des Mannes, der nie gern von ſich reden machte, entſprechen, von unſerer Seite aber iſt es doch wohl nicht an⸗ ders als eine Undankbarkeit anzuſehen. Wir möchten des⸗ halb an dieſer Stelle, in dem Beſtreben, etwas lange ver⸗ ſäumtes nachzuholen, kurz das zuſammenſtellen, was wir über das Leben und Schaffen des Meiſters in Erfahrung bringen konnten.
Karl Echtermeier iſt, wie erwähnt, hier in Kaſſel geboren und entſtammt einfachen Verhältniſſen. Sein Vater war Gipsformer und wohnte in dem Hauſe Nr. 14 am Steinwege. Schon der Schulknabe machte ſich in dem Geſchäfte in doppelter Weiſe nützlich, indem er einerſeits dem Vater in der Werkſtatt zur Hand ging, andererſeits bei dem Vertriebe der gefertigten Waren half. Nach der Konfirmation trat er ganz in das Ge⸗ ſchäft ein, und raſch wurde der Schritt vom Kunſthandwerk zur Kunſt ſelbſt gethan: kaum fünfzehn Jahre alt, wagte er ſich an eine Nachbildung der Apoſtel Peter Viſchers an


