Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 3. Teil. (Die Vorhalle unserer Bildergalerie und die Echtermeierschen Länderstatuen
Entstehung
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Die Varhalle unſerer Bildergalerie

und die

Echtermeierſchen Länderſtatuen.

J.

Allgemeiner Teil. 1. Einleitung.

Wir befinden uns hier in der Vorhalle eines Heilig tums der Kunſt, einem Raume, der weſentlich dazu dienen ſoll, das Gemüt, in dem noch die Eindrücke des Weltge⸗ triebes, des Lebens der Straße haften, zu ſammeln und zur Andacht zu ſtimmen.

Die Griechen ſtellten ihre Tempel, um ſie der ge⸗ meinen Fläche des Lebens zu entheben, auf mächtige Stufen, und Iktinus führte den frommen Beter erſt in einen halb⸗ dunkelen Vorraum, ehe er ihm im Glanze himmliſchen Lichtes das Goldelfenbeinbild der heiligen Stadtgöttin, Pheidias erhabenes Werk, zeigte. Auch das Erdgeſchoß dieſes Baues, der, im römiſchen Renaiſſanceſtil gehalten, ſein letztes Vor⸗ bild in der Antike hat, ſteht auf einem um acht Stufen erhöhten Sockel, und auch hier nimmt den Eintretenden erſt ein Pronaos auf, eine Vorhalle, die durch das magi ſche Dunkel, im Gegenſatze zu dem hellen Sonnenlichte, das uns eben noch umfing, dem Gemüte eine ernſte Richtung giebt. Wir empfinden, wir ſind in eine andere Welt ge⸗ treten: die grauen Marmorſäulen, der Terrazzofußboden,

*) Es iſt zwar dieſe Eingangshalle mit ihrem Schmuck bereits in dem erſten Aufſatz, im Oſterprogramm 1898, jedoch nur kurz, mehr im Vorbeigehn behandelt worden. Die vorliegende Abhandlung ſoll dem Lehrer das Material zu einer eingehenderen Beſprechung liefern. Es empfiehlt ſich dieſelbe im Anſchluß an die Laokoonlektüre vorzu⸗ nehmen.

Ein echtes Kunſtwerk:.... wird angeſchaut, em⸗ pfunden, es wirkt; es kann aber nicht eigentlich erkannt, viel weniger ſein Weſen, ſein Verdienſt mit Worten ausgeſprochen werden. Goethe.

der Plafond mit den grünen Kaſſetten, die rotbraunen, von grauen Pilaſtern geteilten Wandfelder, dies ganze geheimnisvolle Helldunkel des ſtillen Raumes übt eine unwiderſtehliche Wirkung, der Geiſt der Kunſt umſchwebt uns, wir glauben das leiſe Rauſchen ſeiner Schwingen zu vernehmen.

Unwillkürlich wird der Blick aus dieſem Halbdunkel hingelenkt nach dem breiten Treppenaufgang, der einzigen Lichtquelle dieſes Raumes. Auf zwanzig Marmorſtufen ſteigen wir nun zwiſchen rotbraunen Stuck- und Marmor⸗ wänden in die prächtige Treppenhalle des Hauptgeſchoſſes empor. Mit jeder Stufe laſſen wir das Alltagsleben mehr hinter uns zurück und werden empfänglicher für die geiſtigen Genüſſe, die die Kunſt uns bieten ſoll.

Nicht minder ſtimmungsvoll als im Veſtibül ſind auch hier die Farben gewählt. Aus dem geheimnisvollen Helldunkel haben wir uns in eine lichtere Region erhoben; aber es iſt ein mildes, gedämpftes Licht, das uns umgiebt: das Blau und das pompejaniſche Rot der Wände mit den reichen gelbbraunen Reliefs, das Gelb der korinthiſchen Pilaſter, alles inmatten, gebrochenen Farbentönen, die ein Gefühl ruhigen, warmen Behagens erzeugen.*)

Schon beim Emporſteigen wurden unſere Blicke ge⸗ feſſelt durch acht weiße Frauengeſtalten, die von den Poſta⸗ menten der Marmorbaluſtrade uns entgegenleuchteten. Oben angelangt, wenden wir uns unwillkürlich um, und im

*) Siehe von Dehn⸗Rotfelſer, das Gemäldegaleriegebäude in Kaſſel, mit 4 Kupfern, Berlin 1879. Aubel, Verzeichnis der in der Kgl. Gemäldegalerie zu Kaſſel befindlichen Bilder, durchgeſehn von Eiſenmann, Kaſſel, Kay.

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