Zucht und Unzucht bis zum Wild⸗Bacchiſchen holländiſchen Stils und zur ſchneidendſten Satire mit dämoniſch⸗genialer Kraft. Er umfaßt den menſchlichen Ausdruck vom Ge⸗ meinſten, Verzerrten, Dämoniſchen bis zum Kindlich⸗Naiven und Edeln. Er kann ſo fein und zart ſein, und unwill⸗ kürlich ſelbſt geſtaltet er oft Nobeles, wie ſehr er das Un⸗ bändige liebt und am Fratzenhaften ſich ergötzt.“ Roſen⸗ berg aber ſchließt ſeine Monographie mit den Worten: „Wir behalten in der Erinnerung die Geſtalt eines lachen⸗ den Philoſophen zurück, der ſich über alle Torheiten dieſer Welt luſtig machte und darin und im Weine auch Troſt für alles eigene Ungemach— und das hat er reichlich erlebt— fand.“
Faſſen wir nun noch einmal all die betrachteten Bilder zuſammen und ſehen, was wir für die Kenntnis des da⸗ maligen Lebens und Treibens, des damaligen Kultur⸗ ſtandes der Niederlande daraus gewinnen.
Wir lernen das Leben der Vlamländer in ihren Winkelkneipen kennen, die armſeligen Verhältniſſe, in denen ſich das Leben der unteren Schichten bewegte, wie aber auch innerhalb dieſer Frohſinn und Freude in reichem Maße heimiſch war. Lebensluſt und Geſelligkeit war ihr Element.
Wir erhalten insbeſondere ein Bild der vlämiſchen Kirmeßfeier in und vor dem ländlichen Wirtshauſe, des Ernte⸗ oder Oktoberfeſtes, das, erſt ſpäter mit dem Kirchweihfeſt in Zuſammenhang gebracht, urſprünglich auf ein heidniſches Opferfeſt zurückging und in Völlerei und wilder Luſt noch recht„heidniſch“ gefeiert wurde. Hierbei tritt die Stammesnatur der Vlamen ſo recht zu Tage, die in Schmauſen und Trinken, in wilder Luſt und Aus⸗ ſchweifungen ſich hervortaten, und ſo werden ſie vom Maler naturgetreu geſchildert.
Sodann lernen wir die Feier des Bohnenfeſtes mit all ſeinem tollen und ausgelaſſenen Treiben kennen, das wohl von den alten Saturnalien ſtammt; dieſes aber hier nicht in ärmlichen Verhältniſſen, ſondern in einer in behaglichem Wohlſtand und in angenehmer, wohl aus⸗ geſtatteter Häuslichkeit lebenden bürgerlichen Geſſellſchaft. Denn es hatte ſich unter dem Einfluß des ſteigenden Wohlſtandes in Holland damals ſchon ein wohlhabender Bürgerſtand entwickelt.
Daneben haben wir dann auch Bildchen des fried⸗ lichſten, idylliſchen Lebens und Treibens der Bauern auf dem Lande, ihres behaglichen Zuſammenſeins am Feier⸗ abend in lieblicher Landſchaft.
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Wir erkennen aus den Bildern die unwiderſtehliche Liebe der Niederländer zur Muſik. Dudelſack, Geige und Leierkaſten ſind die Inſtrumente, die das Zuſammenſein heben und beleben, und vom Anfang bis zum Schluß eines Feſtes darf die Muſik nicht fehlen.
Sowohl in den ärmlichen wie in den beſſeren Ver⸗ hältniſſen werden wir bekannt gemacht mit den Haus⸗ und Küchengeräten und den Zimmerdekora⸗ tionen. Von der Decke herab hängt häufig ein ge⸗ trockneter Fiſch, wie man es noch heute in dortigen Fiſcherkneipen findet. Auf einem hervorragenden Holz ſitzt eine Eule. Von der Decke herab hängt auch wohl ein oft großer Käfig, in dem ſelbſt Hühner und Tauben für kommende Mahlzeiten aufbewahrt wurden. Der Hund iſt ein beliebtes Haustier, und in beſſerem Hauſe fehlte nicht das Bologneſer Hündchen.
In dem Zahnbrecher, dem Quackſalber und ſeiner Barbierſtube haben wir getreue Abbilder der Wirk⸗ lichkeit, die uns einen Einblick in den Kulturzuſtand einer ganzen Klaſſe von Leuten des Landes in jenem Jahrhundert eröffnen.
Wie ſchon in den betrachteten Bildern ſich ein Fort⸗ ſchritt vom mittelloſen, derben Naturkind durch das behag⸗ liche Bauernvolk zum wohlhäbigen, feſtesfrohen Städter zeigte, ſo können wir in den Bildern von Metſu, Terborch, Gonzales Coques u. a. ein Aufſteigen zu immer feinerer und ſalonmäßiger Darſtellung finden, Hand in Hand gehend mit dem bei der Zunahme des Wohlſtandes ſich immer mehr verfeinernden niederländiſchen, beſonders holländiſchen Bürgertum.
Eine eingehendere Betrachtung und Würdigung der Genrebilder dieſer letztgenannten Maler wird mir vielleicht Stoff geben für eine weitere Programmabhandlung.
Dankbar benutzt habe ich bei dieſer Arbeit die Mono⸗ graphieen von Teniers, Oſtade und Steen von Adolf Roſenberg, den großen Katalog unſerer Gemäldegalerie von Geh. Reg.⸗Rat Dr. Oskar Eiſenmann, desſelben erläuternden Text zu den Radierungen von William Unger,„Rubens und die Vlamländer“ und„Die Blüte der Malerei in Holland“ aus den kunſtgeſchichtlichen Ein⸗ zeldarſtellungen von Adolf Philippi.
Für manche Bemerkungen bei Durchſicht einer Korrektur bin ich auch diesmal Herren Geh. Reg.⸗Rat Dr. Eiſen⸗ mann und Herren Prof. Paulus zu Danke verpflichtet.
Dr. J. Heußner.


