Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 2. Teil.
(Rembrandt.)
Entstehung
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Linken hält es Nelken. Nach Färbung und Behandlung iſt das Bild etwa in das Jahr 1635 zu ſetzen. Bode rechnet es mit Recht zu den vollendetſten Bildniſſen des Meiſters aus dieſer Zeit.Das hell einfallende Licht ſpielt im feinſten Halbdunkel auf den keineswegs beſonders anziehenden Zügen. Die kühlen, graugrünen Töne miſchen ſich hier mit warmen, bräunlichen Tönen in feinſter Weiſe. Die Lokal⸗ farbe kommt mehr als gewöhnlich zur Geltung, und die Karnation iſt von größter Zartheit. So hat es der Künſtler verſtanden, das Porträt der einzelnen, überdies unbedeutenden Perſon zu einem typiſchen, für alle Zeiten gültigen Kunſtwerk zu geſtalten.

Klein, aber ſehr beachtenswert iſt die kleine Winter⸗ landſchaft(Nr. 241) aus dem Jahre 1646. Im Vorder⸗ grund ein gefrorener Kanal, darauf mehrere Schlittſchuh⸗ läufer, eine Frau mit einem Hund und ein Schlitten mit Fuhrmann und einem Schimmel davor. Im Mittelgrunde rechts ein Dorf, links eine Brücke. Hintergrund blauer, leicht bewölkter Himmel. Das Ganze ein reiner Wintertag bei klarer, blauer, wenn auch kalter Luft. Knackfuß ſagt darüber S. 112:Ein anſpruchloſes Stückchen abgemalte Wirklichkeit zeigt uns die ganz kleine reizende Winterland⸗ ſchaft von 1646, die uns mit drei Tönen einer blauen Luft, einer bräunlichen Reihe von Gebäuden und einer goldig überſtrahlten Eisfläche mitten in einen ſonnigen holländiſchen Wintertag verſetzt, an dem die Schlittſchuh läufer vergnügt in der erfriſchenden Luft ſich tummeln. Und Bode S. 491:Das anſpruchloſeſte Stückchen Erde, das ſich ein Künſtler zum Vorwurf wählen kann; und doch heimelt uns dasſelbe an, wie die Idylle eines kalten klaren Wintertags. Leuchtend in den kräftigen Farben mit voll einfallendem Licht und von höchſt geiſtvoll breiter Behandlung trotz dem kleinen Raum iſt das Bild ein charakteriſtiſches, ſchönes Werk dieſer an Meiſterwerken aller Art ſo reichen Jahre. Faſt alle landſchaftlichen Gemälde, die wir von Rembrandt haben, gehören dieſer Blütezeit im Leben und der Kunſt des Meiſters an. Ein ganz einfaches Motiv ſeiner Heimat gibt er treu wieder, und doch iſt er hier Idealiſt, ein wahrer Naturdichter, wie denn keine Gattung ſeiner Gemälde in höherem Grade die Stimmung zum Ausdruck bringt als ſeine Landſchaften. Hier iſt es eine idylliſch heitere Stimmung.

Dann neben dieſem kleinſten Bild das nach Umfang und Gehalt größte Rembrandtſche Gemälde unſerer Galerie unter Nr. 249: Jakob ſegnet im Beiſein der Eltern, Joſeph und Asnath, ſeine Enkel Ma⸗ naſſe und Ephraim, in lebensgroßen Figuren(1656). Im 1. Buch Moſe, Kap. 48, wird die Sache alſo erzählt:

Die Augen Israels waren dunkel geworden, und er konnte nicht wohl ſehen. Er ſtreckte ſeine rechte Hand aus und legte ſie auf Ephraims, des jüngſten, Haupt, und ſeine linke auf Manaſſes Haupt und that wiſſend alſo. Da aber Joſeph ſahe, daß ſein Vater die rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, gefiel es ihm übel, und faßte ſeines Vaters Hand, daß er ſie von Ephraims Haupt auf Ma⸗ naſſes Haupt wendete und ſprach zu ihm: Nicht ſo, mein Vater, dieſer iſt der Erſtgeborene, lege deine rechte Hand auf ſein Haupt. Aber ſein Vater weigerte ſich und ſprach: Ich weiß wohl, mein Sohn. Dieſer ſoll auch ein Volk werden und wird groß ſein, aber ſein jüngſter Bruder wird größer denn er werden, und ſein Same wird ein großes Volk werden. Jakob, der ehrwürdige blinde Greis in langem, grauem Bart, hat ſich mit noch einmal zu⸗ ſammengerafften Kräften aufgerichtet, und Joſeph, der neben ihm ſteht, unterſtützt ihn. Er verſucht ehrfurchtsvoll und ſchonend die zitternde Hand des dem Tode nahen Greiſes vom Haupte des blondlockigen Ephraim, der mit verſtänd⸗ nisvoller Ehrfurcht den Segen empfängt, auf das des dunkelharigen Erſtgeborenen Manaſſe zu lenken, der in kindlicher Zerſtreutheit um ſich blickt. Rechts ſteht As⸗ nath; ſie läßt ihre dunkelen Augen zärtlich auf den Kindern ruhen und ſcheint zugleich, den Verheißungsworten Jakobs folgend, ſinnenden Blicks in eine ferne Zukunft zu ſchauen. In den Zügen dieſer Frau, die hier ein ſo ſchöner Aus⸗ druck verklärt, vermutet man das Bildnis der Perſönlichkeit, die damals Rembrandt am nächſten ſtand. Betrachten wir die Kleidung und Ausſtattung noch etwas näher. Jakob iſt mit einer hellen Jacke und einem gelb und weißen Nachtmützchen bekleidet. Über die fröſtelnden Schultern hat man ihm einen Mantel von Fuchspelz gelegt, und er liegt unter einer mattroten Bettdecke, deren ſtumpfe Farbe den graugoldigen Ton des übrigen Bildes wunderbar hervor⸗ hebt.(Knackfuß S. 142). Joſeph trägt einen großen Turban, Asnath ein dunkeles, olivenfarbiges Kleid, eine bläu⸗ liche, mit Gold verzierte Haube mit einem nach hinten herab⸗ fallenden Schleier, der vorn auch die Stirn bedeckt, große ſchwere Ohrringe im Ohr und eine Perlenſchnur um den Hals, beide im Schmuck reicher Orientalen der Zeit des Künſtlers. Links von Jakob und rechts hinter Asnath hängen dunkele Vor⸗ hänge herab, den Hintergrund bildet eine bräunliche Wand. Das Licht bricht durch eine Fenſteröffnung neben dem Vor⸗ hang hinter Jakob herein und beleuchtet die rechte Seite Jakobs, Joſephs und der beiden Kinder Geſicht zum Teil, während Asnaths Antlitz hell beleuchtet iſt. Es ſind die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die ihren gol⸗ denen Schein in den ſonſt dunkelen Raum werfen und die