Aufsatz 
Zur Einführung unserer Schüler in die Kasseler Bildergalerie : 2. Teil.
(Rembrandt.)
Entstehung
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Meiſter dahineingearbeitet! Die junge Mutter ſitzt in be⸗ ſcheiden bürgerlichem Hauskleid da und drückt den Knaben an ſich, der ihr zärtliche Wörtchen ins Ohr flüſtert. Man glaubt zu ſehen, wie ſie den Oberkörper vorwärts und rück⸗ wärts neigt, während ſie in das auf dem Eſtrich brennende Feuer blickt, an dem das irdene Breitöpfchen für den Kleinen gewärmt wird. Ein warmes Licht, wie von eben erlöſchender Abendſonne, erhellt das Gemach; ſeine Strahlen ſammeln ſich auf dem friſchen Linnen der Korb⸗ wiege und werfen von da aus goldene Reflexe auf die dürftige Bettſtatt. Draußen aber, wo vor der Thüre der fleißige Hausvater noch mit Holzhacken beſchäftigt iſt, herrſcht ſchon kühle Dämmerung. Während drinnen die Koſeworte, die Mutter und Kind austauſchen, von dem traulichen Kniſtern der Flamme und von dem behaglichen Schnurren der neben dem Feuer liegenden Hauskatze be⸗ gleitet werden, glaubt man in den Wipfeln der Bäume, die man durch das Fenſter und den offenen Eingang er⸗ blickt, den Abendwind leiſe rauſchen zu hören. So wie hier gab Rembrandt oft den bibliſchen Darſtellungen ein ſo ſchlicht natürliches Anſehen, daß man einfache Genrebilder in ihnen zu ſehen glaubt. Das gilt auch u. a. von der heiligen Familie im Louvre, ſchlechtweg die Familie des Tiſchlers genannt. Auch dieſes kleine ſchöne Bild iſt ganz häuslich und ganz menſchlich aufgefaßt. Auch die Be⸗ leuchtung iſt keine überirdiſche, ſondern ſie geht von einem ganz natürlich zu erklärenden Sonnenſtrahl aus. Trotz⸗ dem aber hat Rembrandt auch hier durch die Poeſie des Lichtes die Darſtellung weit über das Alltägliche hinaus⸗ zuheben gewußt, ſo daß wir das Göttliche ahnen, das in dieſer Handwerkerfamilie wohnt.

Gehen wir nun in Kabinett 11, ſo finden wir zwei Köpfe älterer Männer, den Alten mit der goldenen Kette, aus dem Jahre 1630(Nr. 231), und den Studienkopf eines Alten, eine Kopie(Nr. 250). Jener trägt ein ſchwarzes Samtbarett und ein Obergewand aus demſelben Stoff. Er hat eine doppelte goldene Kette um die Schulter gelegt, daran ein goldenes Kreuz mit einem hellen Stein. Es iſt wohl nur eine Studie, wirkt aber wie ein Porträt, und aus ihm läßt ſich ſchon der ganze Rembrandt vorahnen. Es iſt liebevoll behandelt, im Helldunkel fein und im Ausdruck lebensvoll und ſorgfältig. Üüber ihm liegt ſchon der eigenartige Zauber des Rembrandt⸗ ſchen Helldunkels ausgebreitet, auch ſpricht jenes tiefinner⸗ liche Gefühl aus ihm, das ſo viele ſeiner Schöpfungen kennzeichnet; und doch war der Künſtler erſt 24 Jahre alt, als er es ſchuf. Die Kopie zeigt ebenfalls einen Studien⸗ kopf eines alten Mannes mit grauem Bart, ſchwarzem Ge⸗

wand und einem Barett auf dem Haupte, über der Bruſt trägt auch er eine doppelte goldene Kette. Früher galt das Bild für echt.

Eine reichere Ausbeute bietet uns Kabinett 8, näm⸗ lich 7 Rembrandtſche Bilder.

Hier haben wir zunächſt des Malers eigenes Bildnis im Alter von ca. 20 Jahren(Nr. 229), vielleicht das frühſte ſeiner Selbſtbildniſſe. Wirre bräun⸗ liche Locken bedecken ſein Haupt. Das Geſicht iſt keines⸗ wegs ſchön zu nennen. Die runde Kopfform, die kleinen Augen, die kurze, in einer etwas knolligen Spitze aus⸗ laufende Naſe, geben ihm einen faſt gewöhnlichen Aus⸗ druck, den erſt die durch das Leben und die mannigfachen Schickſale ausgearbeiteten Züge des Alters verlieren ſollten. Es iſt dies Bild vor allem eine Beleuchtungs⸗ und Hell⸗ dunkelſtudie aus der frühſten Zeit und als ſolche wertvoll und intereſſant. Dunkele, ſchwere Schatten liegen neben hellen, grell beleuchteten Partien noch ohne feine Über⸗ gänge und Ausbildung eines wirklichenHelldunkels, auch noch ohne den Reiz der goldigen Färbung ſpäterer Bilder des Künſtlers.

Die oben angedeuteten Vorzüge ſpäterer Zeit trägt das Selbſtporträt des Künſtlers Nr. 244, dem Jahre 1654 angehörig. Er trägt ein ſchwarzes Barett und einen braunen Rock und hat einen Anflug von Schnurr⸗ und Knebelbart. Die goldige Färbung iſt die charakteri⸗ ſtiſche der Rembrandtſchen Bilder. Wohl war er damals ſchon weit über ſeine Jahre hinaus gealtert, aber ſeine Schaffenskraft bewahrte ihre unverwüſtliche Friſche(Knack⸗ fuß S. 130).

Etwa aus derſelben Zeit ſtammen die Studien⸗ köpfe älterer Männer unter Nr. 247 und 248. Das erſtere Bild, etwa der Lebensgröße, das zweite der Lebensgröße, ſind urſprünglich ohne Beziehung zu einander, doch hat man dieſes ſchon in älterer Zeit als Seitenſtück zu jenem zugeſchnitten. Sie ſtammen wohl aus den Jahren 1655 57, ſind beide in dem etwas trüben und kühleren Ton dieſer Zeit gehalten, ſind aber geiſt⸗ voll behandelt und von feiner Empfindung.

Etwas länger verweilen wir bei dem Bildnis des jungen Mädchens mit der Nelke in der Hand (Nr. 238). Man hielt es früher für eine Tochter Rem⸗ brandts, vielleicht iſt es eine Schweſter oder Verwandte von ihm. Es trägt ein grünliches Kleid mit weiten Ärmeln und einen dunkeln, pelzverbrämten Mantel, der über die linke Schulter herabhängt, hat rötliches gelocktes Haar, auf dem Hinterkopf eine mit Perlen beſetzte Haube, auch Perlen am Hals und im Ohr. In der handſchuhbekleideten