gerade vor ſolche Bilder führen und ſie mit ihnen be⸗ trachten, um ſo mehr wird der Betrachtung das ſittlich Bedenkliche genommen und ſie zu objektiver künſtleriſcher Betrachtung geführt. Rubens kommt doch naturgemäß auch zuerſt zur Beſprechung unter den niederländiſchen Künſtlern, und hat man ihn vorweg genommen, ſo ſchweifen bei den folgenden Beſuchen der Galerie die Blicke der Schüler nicht zu ſeinen Bildern ab. Bei Rembrandt hat man dann ein leichteres Spiel.
Nicht alle Einzelheiten ſind im folgenden erläutert, doch iſt den Schülern nichts unklar zu laſſen. Es ſind ihnen nach Entſtehung und Bedeutung zu erklären Wörter wie Roko ko(von rocaille, eigentlich Grotten⸗ oder Muſchel⸗ werk, Bauſtil aus der Zeit Ludwigs XIV. mit reichen Ver⸗ zierungen), Karyatiden(eigentlich Frauen aus Kaoοα einem Ort in Lakonien, die in die Sklaverei geführt wurden und nun Sklavendienſte thun mußten; in der Baukunſt weibliche Gewandfiguren, die als Träger von Balken an⸗ gewendet werden), Hermen(Bildſäulen des Hermes oder Merkur, viereckige nach unten ſchmäler zulaufende Säulen oder Pfeiler mit einem menſchlichen Kopf, aber ohne Füße und Arme, welche die Griechen an die Thüren von Tempeln und Häuſern ſetzten), Nadeln der Kleopatralbe⸗ ſonders Namen zweier Obelisken zu Alexandria, die im 15. Jahrh. v. Chr. errichtet waren und im Jahre 22 v. Chr. vor dem Tempel des Cäſar in Alexandria auf⸗ geſtellt wurden; der eine iſt jetzt in London, der andere in Neuyork), Baluſtrade(aus dem griechiſchen Gαα- 02ον„, Blüte des Granatbaums, gebildet wegen der ähn⸗ lichen Form von Geländerwindungen, allgemein die Bruſt⸗ lehne oder das Geländer), Loggia(italieniſch, dasſelbe
wie franz. Loge, aus dem altdeutſchen lauba= Laube Hier ſehen wir oben in dem Giebelfeld das Reliefbild
gebildet, das urſprünglich ein bedeckter Raum oder Gang iſt; ein bedeckter Gang um das obere Stockwerk eines Hauſes, eine Galerie, ſchweizeriſch auch jetzt Laube), Alle⸗ gorie(eine durchgeführte Perſonifikation abſtrakter Be⸗ griffe in der Kunſt; ſo Religion, Gerechtigkeit, Krieg, Sieg, Friede, Frühling ꝛc. als lebende Weſen gedacht und ein⸗ geführt. Man vergleiche die beiden allegoriſchen Figuren über dem Eingang zum Lyceum, welche nach dem Wahl⸗ ſpruch der Schule ora et labora Gebet und Arbeit dar⸗ ſtellen). Auch bietet ſich in der Galerie Gelegenheit, die verſchiedenen Säulenordnungen ins Gedächtnis zurück⸗ zurufen und den Unterſchied derſelben von neuem zu be⸗ feſtigen.
Unſer Galeriegebäude, auf der Höhe der„ſchönen Ausſicht“ gelegen, mit prachtvoller Ausſicht über die Aue nach der Söhre, wurde im Jahre 1877 vollendet.
Ihr wißt, daß in unſerer Galerie ſich beſonders zahl⸗ reiche und ſchöne Gemälde von Rubens befinden. Im Jahre 1877 feierte die Stadt Antwerpen eine glänzende Säkularfeier(alſo in demſelben Jahre, in dem unſere Galerie vollendet wurde), denn 300 Jahre zuvor war Rubens geboren, deſſen Familie aus Antwerpen ſtammte und der dort hauptſächlich lebte.—
Vor dem Galeriegebäude befindet ſich die Büſte des erſten Oberpräſidenten unſerer Provinz, v. Möller's. Der regte 1869 zuerſt den Gedanken an, auf den Fundamenten der Kattenburg, die ſeit 1821 da, wo jetzt das Re⸗ gierungs⸗ und Juſtizgebäude ſteht, unvollendet liegen ge⸗ blieben war, ein neues Galeriegebäude zu errichten. Denn die Galerie befand ſich bis dahin in dem oberen(weſtlichen)
Teil des Bellevueſchloſſes in ſehr unzulänglichen Räumen.
Bald aber wählte man den Platz, wo jetzt das Galerie— gebäude ſteht, damals vom Bellevuemarſtall ein⸗ genommen; verwendet wurden aber dazu die ſchönen Sand⸗ ſteine der Kattenburg.
Der Erbauer iſt Baurat v. Dehn⸗Rotfelſer, ein Heſſe, der als Geh. Regierungsrat in Berlin ſtarb. Er hatte zuvor die vorzüglichſten Muſeen Deutſchlands, Frankreichs und Englands beſucht und hauptſächlich die ältere Pinakothek zu München zum Vorbild genommen. Es iſt in römiſcher Renaiſſance gebaut, alſo nach dem ſeit dem 15. Jahrhundert in Italien ausgebildeten Kunſt⸗ geſchmack. Die Koſten des Baues betrugen rund 400000 Thlr. oder 1 200 000 Mark.
Wir treten nun vor den Eingang an der Oſtſeite.
des Landgrafen Wilhelms VIII., von Genien gehalten und bekränzt. Er iſt der Begründer unſrer Gemäldeſammlung geweſen.
Er war der Sohn des Landgrafen Karl(1670—1730), deſſen Standbild von Eggers auf dem Karlsplatz ſteht, der Bruder Friedrichs I.(1730— 1751), welcher durch⸗ ſeine Gemahlin Ulrike Eleonore, die Schweſter Karls XII., ſeit 1720 zugleich König von Schweden war(nach ihm die Königsſtraße und der Königsplatz genannt), der Vater Fried⸗ richs II.(1760— 1785), deſſen Denkmal von Nahl(† 1813) auf dem Friedrichsplatz, der Großvater des letzten Landgrafen Wilhelms IX.
Wilhelm VIII. war Statthalter in Heſſen für ſeinen in Schweden lebenden Bruder ſeit 1730, ſelbſt Landgraf von 1751— 1760. Bei der Nachricht von ſeinem Tode ſprach


