Aufsatz 
Das neue Königliche Wilhelms-Gymnasium und die Feier der Eröffnung desselben / Friedrich Heussner
Entstehung
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Sinnes für das Ideale und Schöne die echte deutsche Zucht, eine wahre und gründliche Geistes- und Herzensbildung und die daraus entspringenden Tugenden als Ordnungssinn, Bescheidenheit, Pietät, Gehorsam, Dankbarkeit, edlen Anstand, das Finden des rechten Maſses, der rechten Grenzen im Thun und Lassen, einen sicheren Takt in allen Lagen des Lebens, der Grieche nennt dieses Gυ,hOdy, von Luther im N. T. mit Zucht übersetzt, der Römer nennt es humanitas. Wir machen der Jugend damit zum Eigentum jenes Zartgefühl, jene Scham und jenen Abscheu vor allem unsittlichen und unzüchtigen Wesen, die Keuschheit, mit der Gott unser Volk schon in seinen ersten Zeiten geschmückt hat, es wird ihr zum Eigentum jene Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung, welche Walther von der Vogelweide einem Siege über Löwen und Riesen gleich achtet. Daraus entspringt dann jene deutsche Entschiedenheit und Festigkeit des Willens, jene Entschlossenheit und Standhaftigkeit im Kampfe, sowie anderseits die Glaubenskraft und der Glaubensmut, welcher fröhlich und siegreich ausharrt im Kampfe gegen Lüge und Unglauben.

Diese Festigkeit und Entschiedenheit aber in ihren verschiedenen Aufserungen, was ist sie anders als die vielgepriesene deutsche Treue, dies unverbrüchliche Festhalten, diese volle unbedingte Hingabe des Herzens an die Person oder den Gegenstand, dem wir zu Liebe und Dienst verpflichtet sind? Und wie wird diese speciell gepflegt und genährt durch die reichen Beispiele, welche Geschichte und Litteratur unseres Volkes bieten. Deutsche Treue besonders in dem Verhältnisse der Dienst- mannen zu ihrem Herzoge und Könige wird schon von Tacitus gerühmt, dessen Germania uns vor allem den Adel der deutschen Volkspersönlichkeit lehrt.Ehrlos und schmachvoll, sagt er u. a.,ist es, seinen Führer überlebend aus dem Kampfe zu kehren. Ihn verteidigen, ihn schützen, sogar seine eigenen Heldenthaten seinem Ruhme zuweisen, ist allererste Pflicht. Und so wie es hier geschildert wird, war es in seinen besseren Zeiten das ganze Mittelalter hindurch, und es findet diese Treue die schönste Verherrlichung in den Liedern jener Zeit, sie war, wie ein Litterarhistoriker sagt, das eigentliche Lebenselement des deutschen Volkes, das eigentliche schlagende Herz des deutschen Epos. Für den lieben König und Herrn wird alles gethan, wird treulich gekämpft, wird willig geblutet, wird freudig in den Tod gegangen, für ihn wird mehr gethan als gestorben: werden starken Herzens auch die Kinder geopfert. Und umgekehrt: von den treuen Dienstmannen lassen die Könige nicht bis in den Tod, bis zu ihrem und des ganzen Stammes furchtbarem Untergange. Und als der ewige König, das Gotteskind vom Himmel, seinen Einzug in die deutschen Lande und Herzen hielt und seine reiche Königsmilde ihnen kund ward, da ist diese irdische Mannentreue zur Treue gegen den Himmelskönig verklärt worden, und in ganzer voller persönlicher Hingabe, wie sie das Christentum verlangt, haben sich die Deutschen diesem Herrn ergeben, der sein Leben gelassen hat für die Seinen. Diese Treue gegen den Herrn Jesus Christus ist dann aber hinwiederum der eigentliche Lebensgrund geworden, auf dem sich die Treue gegen den von Gott gesetzten Fürsten und Landesherrn gründete. Und so ist es im deutschen Herzen noch immer: um der Treue gegen unseren himmlischen Herrn willen ist der rechte Deutsche auch treu seinem irdischen Herrn, und in nichts tritt der Abfall von deutscher Gesinnung deutlicher hervor als in der Untreue gegen Gott und gegen den, der von ihm zum Fürsten und Könige gesetzt ist. Treu dem gegebenen Worte, treu dem irdischen Fürsten, treu dem himmlischen Heilande

und Herrn, das ist der Hort der alten deutschen Ehren, das sind die Grundfesten deutschen Wesens, deutscher Art..

Durch solche Beispiele, Lehren und Mahnungen deutscher Treue, die immer und immer wieder im Unterrichte euch, meine lieben Schüler, nahe treten, muſs auch euch die Tugend der Treue zur anderen Natur werden; ihr mülst fühlen, daſs ihr den Namen der Deutschen nicht verdient, wenn ihr diese Tugend nicht in eueren Herzen spürt. So lalst euch denn vor allem die Mahnung zur Pflichttreue eine tägliche Mahnung sein, zu einem vollen treuen Festhalten an dem, was diese Anstalt von euch verlangt und was ihr beim Eintritt in dieselbe gelobt. Nicht darf Trägheit euch abhalten die Pflicht zu erfüllen, nicht Bequemlichkeit, nicht Weichlichkeit; keine Schwierigkeit darf euch zurückschrecken. Nur kein Hantieren mit unlautern und unerlaubten Mitteln, um euch die ernste Arbeit zu erleichtern, die, wie ich euch gezeigt, euch zum Segen ist, durch die allein ihr wissenschaftliche Reife erwerbt. Wohl könnt ihr für den Augenblick den Lehrer täuschen, aber in Wahrheit betrügt