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ihr euch und schadet ihr euch selbst. Nur keine Lüge, durch die der Mensch sich vor sich selbst erniedrigt, die das Herz einengt und zu keiner Fröhlichkeit gelangen läſst. Denn
„O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,
Wie jedes andre wahrgesprochene Wort,
Die Brust, sie macht uns nicht getrost, sie ängstet Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt, Ein losgedrückter Pfeil, von einem Gotte
Gewendet und versagend, sich zurück
Und trifft den Schützen.“
Nicht darf euch die Pflicht als ein Zwang erscheinen, sondern ihr müſst sie um der Treue willen lieben und um der Liebe willen üben und erfüllen; ihr müfst sie thun, weil ihr nicht anders könnt, weil euer Inneres euch nicht erlaubt sie zu versäumen; dann werdet ihr auch die segensvolle Wahrheit der weiteren inhaltreichen Worte aus Goethes Iphigenie begreifen:„und folgsam fühlt' ich immer meine Seele am schönsten frei.“ Seid auch treu dem, was euer Lebensalter und euere Lebens- stellung von euch fordert, und strebt nicht hastig zu erwerben und zu genielfsen, was späterem Lebens- alter vorbehalten bleibt und wodurch ihr euere Jugendfreude nicht erhöht, sondern vernichtet und zerstört. Euere Ehre soll es sein, euch immer mehr bewufst zu werden eurer sittlichen Bestimmung, der Bedeutung des Lebens, seines Ernstes, seiner Aufgaben, seiner Ziele, und euch doch demütig und bescheiden bewuſst zu bleiben der Unfreiheit des Wesens, welche liegt in der mangelnden Reife des Urteils und der Unzulänglichkeit der Kraft, die unter der weisen Leitung euerer Lehrer erst gezeitigt, gehoben und mehr und mehr zu freier selbstthätiger Kraft entfaltet werden soll. Hat aber menschliche Schwäche euch doch einmal zu einem Fehltritte geführt, dann fordert euere Pflichttreue Offen- heit und demütiges Bekenntnis der Schuld dem Lehrer gegenüber, der gern verzeiht, wenn ein offenes Bekenntnis und Vertrauen ihm entgegengebracht wird. Nur so erwerbt ihr die sittliche Reife, nur so kann aus jedem von euch einst ein Mann, ein wahrer Mann, ein Mann von festem Charakter werden, nur dann werdet ihr tüchtige Diener des Vaterlandes sein. Denn ihr werdet dastehen treu euch selbst und euerer Überzeugung, treu euerer Pflicht in dem gewählten Lebensberufe, treu euerem Vaterlande, sowohl dem engeren als dem groſsen deutschen Vaterlande, treu dem Volke, dem ihr dann als wahre würdige Söhne angehören werdet, treu unserem Könige und Heldenkaiser, durch den unser deutsches Vaterland wieder dasteht in vorher nicht geahnter Fülle der Herrlichkeit und Macht. Ihr werdet endlich treu sein euerem Gott und im Trachten nach seinem Reiche den höchsten Zweck des Lebens erfüllen, werdet ihm mit voller ganzer Seele euch hingeben, wie unsere Ahnen thaten, ihm, der selber treu ist und alles hält, was er verheilsen, der euch, wenn ihr Treue in reinem Herzen hegt, Schutz und Schirm gegen alles Arge und Stärke und Hülfe zu allem Guten sein wird auf euerem Lebenswege.
Solche Zucht, Gehorsam und Treue, wie ich sie dargelegt, einigen sich aber sehr wohl mit einem frischen und frohen Jugendleben,— denn wer wollte dies der Jugend verkümmern? Frohsinn und Heiterkeit, Freude und Lust sind ja ihr schönes Vorrecht, und mit Recht sagt der römische Tragiker Seneka:„Freude geziemt dem Jünglinge, die ernste Stirn dem Greise“,— ja sie vereinigen sich sehr wohl mit einem frohen Jugendleben,— aber sie erst veredeln und heiligen es und geben ihm die rechte Weihe. Sie sind das Morgenrot an einem blauen wolkenlosen Himmel,— sie sind dann später die leuchtende Sonne, die am Mittage des Lebens selbst durch gewitterschwere Wolken hindurch- bricht, sie gleichen dann am Lebensabend dem Sonnenball, der, ehe er zur Rüste geht, noch einmal die Gipfel der Berge mit seinem milden Scheine überzieht und in verklärtem Lichte zeigt.
Unsere Schüler aber solchem Ziele entgegenzuführen, dazu bitte ich Sie, meine verehrten Herren Kollegen, um Ihren Beistand und Ihre Hülfe. Nirgends ist ja einträchtiges und treues Zusammenwirken nötiger als im Lehrerkollegium; und ich darf desselben gewiſs sein im Hinblick auf das innere Band, das die meisten von uns von früher her verknüpft, im Hinblick auf die ehrende Anerkennung, welche Sie auch in dieser Hinsicht von seiten des Direktors der Anstalt, an welcher Sie bisher wirkten, gefunden, im Hinblick darauf, dass es Ihnen allen Ernst ist um einen wahrhaft erziehenden Unter-


