Aufsatz 
Das neue Königliche Wilhelms-Gymnasium und die Feier der Eröffnung desselben / Friedrich Heussner
Entstehung
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zu erweitern, um zu raten und zu richten, zu weisen und zu lehren, zu helfen und zu heilen, im Kampf für die Seinen zu sterben und endlich aus der scheinbaren Niederlage sich im glänzendsten Siege zu erheben. Solches kann des Eindrucks auf Herz und Gemüt der jugendlichen Hörer nicht verfehlen, es muſs sie erheben zu dem ernsten Entschlufſs, jene alten edlen Eigenschaften der Deutschen sich zu wahren als bleibendes Eigentum, sie müssen bekennen:Nein, wir können nicht Christum verleugnen und Deutsche bleiben, der Abfall von ihm ist für uns zugleich ein Abfall von deutschem Wesen. Solche wollende Thätigkeit der Seele aber in ihrer idealen Bewegung wird ein rastloses Suchen des Guten, und wir nennen die vollkommenste Erscheinung dieser Seelenbewegung sittliches Leben.

Der ideale Beruf des Gymnasiums vollzieht sich dann schlieſslich noch in der Pflege des Schönen. Wo der Schönheitssinn das ganze Leben eines Volkes beherrschte, wie es bei den Griechen der Fall war, wo die Kunst allen Zwang und alles Bedürfen der Natur in Schönheit umzusetzen ver- mochte, da oder nirgends wird es möglich sein, den Trieb zur Schönheit zu wecken. Hier werden also besonders die klassischen, vor allem die griechischen Dichter in der vollendeten Schönheit der Form, der Harmonie zwischen Form und Inhalt, der reinen allgemein gültigen Ausprägung des echt Menschlichen im Sein und Handeln ihrer Helden den Schülern nahe zu führen, dazu die Augen ihnen zu öffnen sein für die Denkmäler der antiken plastischen Kunst, die in ihren wunderbaren Gebilden typisch geworden sind für die echten Kunstformen aller Zeiten. Damit wird aber der sinn- lichen Natur, die der Mensch neben der geistigen auch von Gott empfangen hat und die er sich zum Segen und zum Fluche wenden kann, eine gesunde, sittlich fördernde Richtung gegeben: die Kunst hat ja die schöne Aufgabe, den Sinn über das Gemeine hinauszuheben, dem idealen Drange des Geistes die Bahn zu öffnen: das Schöne hebt uns über die Niedrigkeit empor und bekundet so seine untrennbare Einheit mit dem Guten.

So das Einzelne dem Geist und Herzen der Schüler nahe bringend, üben und erzielen wir wahre Zucht. Nicht leicht ist sie erreicht; ach, oft sind die Resultate lange Zeit gar geringe, und es möchte manchmal das Herz des Lehrers schier verzweifeln. Wie ist doch ein Knabe und Jüngling oftcereus in vitium flecti, monitoribus asper, gewappnet gegen alle Einflüsse und Ermahnungen zum Guten und leicht zugänglich auch den leisesten Lockungen zum Bösen, die dann auf unglaubliche Dauer haften; wie gilt doch auch bei besserer Einsicht so oft das Dichterwort:video meliora proboque, deteriora sequor; wie mancher wägt andererseits in banausischer Gesinnung sein Interesse nur nach sog. Haupt- und Nebenfächern ab, denkt nur daran, wie er am schnellsten und leichtesten die Maturitätsprüfung bestehe und seinem Brot- studium sich widme. Aber allmähliche Übung und Gewöhnung in treuer Pflege von früher Jugend auf durch all die Stufen und Unterrichtszweige, Plan und Konzentration zur einheit- lichen Ausgestaltung der gesamten Innenwelt des Zöglings, Streben nach rechter Weckung und Förderung des Interesses, sie können doch nur bei wenigen ihre Wirkung verfehlen, sie müssen dazu helfen, dals das Menschenherz fest werde, sie müssen eine Gesinnung bilden, die maſsgebend ist für das künftige Leben. Wird dann die Wirkung auch zuweilen getrübt und verdunkelt, sie bricht doch bei Gelegenheit wieder recht augenscheinlich hervor. So kehrt ein Mensch, dem in der Kindheit, eine fromme Mutter oder ein treuer Lehrer die ersten Keime der Religiosität ins Herz legte, nach mannigfachen Stürmen des Lebens, nach Zweifel und Abfall von Gott, in dem er der Sprüche, die er gelernt, dieser heiligen Samenkörner, kaum mehr gedacht, an seine Jugendzeit plötzlich gemahnt, zurück zu jenem Kindesglauben, der in seinen Grundlagen*nicht hat gestört werden können; und nun hebt sich in der Seele ein Korn, ein Spruch nach dem andern und wächst und treibt in das Leben hinein zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit. So verklärt sich das Gesicht eines in hartem Dienste ergrauten Beamten, der lange Jahre seines Homer und Horaz nicht mehr gedacht hat und nicht mehr hat gedenken können, sobald ihm die volltönenden Hexameter des Homer unerwartet wieder ins Ohr tönen oder eine der kernigen Römeroden mit ihrem markigen Inhalte wieder nahe tritt. Es ist, als ob die Jugend plötzlich wieder in ihm aufflackere, und er fühlt: der ideale Zug des Herzens, der in früher Jugend in ihm geweckt wurde, ist ihm nicht verloren gegangen und ist viel- fältig, wenn auch unbewulst, sein Leitstern geblieben.

So also gewinnen wir, des idealen Ziels unserer Schule und ihrer erziehenden Aufgabe stets bewuſst, als Ergebnis der Gewöhnung an treue Arbeit und fromme Sitte und Erweckung des