zeugung zu führen, daſs es für den Menschen doch noch höhere und herrlichere Schätze gibt als alle, auch die süſseste Lust der Erde. Aber wie sind auch die anderen Disciplinen geeignet, eine ideale, ja religiöse Weihe zu geben. Wie heben sich die Herzen der Jugend, wenn der Lehrer ihr im geographischen und naturgeschichtlichen Unterricht in rechter Weckung und Anregung der Anschauung und des Naturgefühls erzählt von den erhabenen Wundern der Erde, durch welche Gott so vernehmlich und eindringlich seine ewige Gröſse und Herrlichkeit verkündet, und so das Leben der Natur sie unmittelbar hinführt auf die unendliche und ewige Lebensquelle, die schon dem Plato selbst- bewuſster, schöpferischer, zweckbildender, mit dem Begriff des Guten zusammenfallender Geist und Persönlichkeit war. Wie hängen die Schüler ferner an dem Munde des Lehrers, wenn er in der Geschichts- stunde, die nicht allein geschichtlicher Erkenntnis dienen, sondern nach Goethes Worten einen wahren freudigen Enthusiasmus erregen soll, hinweist auf die wackeren Männer, die ihren Dienst dem Wohle des Vaterlandes weihend, es groſs und mächtig machten, und die Helden, die freudig Hab und Gut, ja Leib und Leben einsetzten, um ihrem Volke die idealen und ewigen Güter des Geistes zu retten und zu wahren, und wie wird da das Herz des Jünglings getrieben, unter ihnen sich einen Helden zu wählen, „dem er die Wege zum Olymp sich nacharbeite“, an dem er zum Mals der vollkommenen Mannesgestalt emporwachse. Ja, wie mannigfach ergreift uns das Wort Vaterland und stellt uns ein Ideal des Strebens hin, von der Sehnsucht des Odysseus an, der sich sehnt nur noch den Rauch von seiner Heimat aufsteigen zu sehen und dann zu sterben, bis zu dem neuen herrlichen Dichterwort:„ans Vater- land, ans teure, schliels dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen.“ Wie gewaltig ziehen an unserem Geiste vorüber die Männer der Geschichte, in denen dieses Wort Leben und Gestalt gewann, von Leonidas an, der auf der Vorwacht gegen die Barbaren mit den Seinen in den Tod geht, bis herab zu den Verteidigern von Kolberg und Graudenz, die in einer trüben Zeit feiger Verzagtheit und schmachvollen Verrates dastehen als leuchtende Sterne unerschütterlicher Pflichttreue und helden- mütiger Vaterlandsliebe; von Epaminondas, der bei der Nachricht von dem Siege der Seinen freudig stirbt mit den Worten:„nun habe ich genug gelebt“, bis zu dem jugendlichen Helden von Quebeck(1759), einem zweiten Epaminondas, der, als er in den letzten Zügen die Versicherung erhält, daſs die Briten Sieger seien, nur noch die Worte spricht:„nun will ich gern sterben“; von den Deciern, die sich freudig dem Tode für Roms Sieg weihen, bis zu Werder und seiner Heldenschar in der neuesten Ruhmesgeschichte unseres Volkes, welche für ihr Vaterland die eherne Kette schliefsen mit unwider- stehlichem Entschlufs! Solche Typen sind Anhalt und Wertmesser zur Beurteilung dessen, was groſs und rühmlich ist; sie rufen mit ihrer mahnenden Stimme die Stimme des eigenen Inneren an, erheben über den Egoismus, der leider dem natürlichen Menschenherzen nur allzu eigen ist, und sind ein wirksames Mittel zu der einen wesentlichen Seite sittlicher Erziehung, der nationalen.
Und soll ich auch ein Wort reden von dem grolſsen Einfluſs, den besonders unsere deutsche vaterländische Litteratur, vorab die alte deutsche Litteratur auf Bildung und Stärkung des Heimats- und Vaterlandsgefühls, auf Pflege und Bildung der edelsten Eigenschaften auszuüben vermag? In ihr wird ja der Idealgehalt unseres Volkstums individualisiert dem Herzen näher geführt; an den frischen Quellen deutscher Dichtkunst, in ihrem erquickenden Waldesgrün, da spriefſsen und blühen sie alle auf die idealen Züge unseres deutschen Volkes, die deutsche Ehrfurcht vor dem Heiligen und deutsche Glaubenstiefe, deutsche Demut und deutsche Keuschheit, deutsche Heimats- und Vaterlandsliebe, deutscher Heldenmut und deutsche Treue, und wie sie alle heilsen die Himmelsgaben, die Gott der Herr unserem Volke verliehen hat. Oder was könnte geeigneter sein auf des deutschen Jünglings Herz und Sinn zu wirken als des edlen alten vielgeprüften Ritters Mahnungen an den jungen Parzival:„Eins haltet fest, dass nie Euch Schamgefühl verläſst. Ein schamloser Mensch,— was taugt er noch? ist er wie in der Mauser doch, jedwede Würd' ihm abgestreift und für die Hölle er gereift,— befleilsigt auch der Demut Euch, eint mit der Kraft Hochherzigkeit;“ oder des weisen Trevrizent tiefreligiöse Sprüche oder auf anderem Gebiete Freidanks Bescheidenheit? Was zeigt uns das Königtum Christi in einem nationaleren und unser Herz mehr anmutenden Gewande als der Heliand, in dem das Christentum in deutsches Fleisch und Blut verwandelt scheint? Die ganze evangelische Geschichte tritt uns entgegen als der glorreiche Zug eines deutschen Volkskönigs durch sein Land, der umgeben ist von einem Gefolge treuer Mannen, um das ihm durch die Feinde entrissene Reich wieder zu erkämpfen und


