Aufsatz 
Das neue Königliche Wilhelms-Gymnasium und die Feier der Eröffnung desselben / Friedrich Heussner
Entstehung
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sein? wobei das Herz sich demütiger fühlt als sonst und nur beten möchte: Herr, hilf mir Schwachen, sei Du in dem Schwachen mächtig. Und doch erhebt mich auch wieder in solcher Stunde neben und mit dem Vertrauen auf Gottes Hülfe der freudige Gedanke, hier in gröſserem Umfange in dem Dienste zum Wohle der Jugend eines hohen, eines königlichen Amtes zu walten. Es gilt in bestimmter und für unsere Jugend segensvoller Seelenleitung die Gesamtarbeit dieses neuen Schulorganismus einem fest und klar gefaſsten Ziele entgegenzuführen, dafs Einheitlichkeit in der Mannigfaltigkeit der Kräfte, Einheit des Ziels in der Verschiedenheit der Wege walte und wir einmütig zusammenwirken in einem wahrhaft erziehenden Unterrichte zum Heile der uns anvertrauten Jugend. Und es wird das, so hoffe ich, nieht zu schwer sein. Ist doch diese Anstalt zum gröſsten Teil nur ein Zweig des altbewährten Lyceum Fridericianum, ganz von dessen Traditionen getragen, stehend in dessen Organisation mit seinen pädagogischen und didaktischen Wegen und Zielen, wie sie ihm besonders sein jetziger Leiter vor- gezeichnet. Und zu jener Anstalt stehe auch ich nicht fremd, sondern bin ihr nahe und vertraut, denn fast vierzehn Jahre bin ich Lehrer an derselben gewesen und verehre in ihrem jetzigen Direktor meinen treusten und sorgsamsten Führer und Berater auf dem Wege meiner Lehrthätigkeit. Und ebenso bin ich mit den meisten Lehrern dieses unseres neuen Gymnasiums von dorther durch Bande der Kollegialität, mit mehreren durch die engerer Freundschaft verknüpft. Das macht, daſs ich mich gleich von vornherein hier heimisch fühle und auch wieder weit zuyversichtlicher dieses Amt antrete, als wenn ich, wie es mir vor 5 Jahren beschieden war, fern von der Heimat in fremdem Lande in ganz fremde Lebens- verhältnisse und ein mir fremdes Lehrerkollegium träte.

In solch freudigem Fühlen und Empfinden wird diese Stunde zugleich zu einer Stunde kräftigen Strebens und Wollens und nötigt mir das freudige Versprechen ab, mit allen Regungen des Herzens, mit allen Kräften des Geistes mich meinem neuen Amte zu weihen, und in unermüdlichem Fleilse diese Anstalt den Weg weiterzuführen, den sie als ein Teil des Lyceum Fridericianum bisher gewandelt, damit dieses neue Gymnasium sich nicht unwert zeige der Mutteranstalt, aus der es ent- sprungen.

Soll ich aber jetzt ein Bekenntnis ablegen, in welchem Sinne ich meine Pflicht verstehe, in welchem Geist ich meine Aufgabe zu lösen gedenke, und euch, meine Schüler, darlegen, was ich von euch erwarte? Was mich mein Herz in dieser Stunde kurz zu sagen drängt, will ich anknüpfen an zwei an und von unseren Ahnen hochgerühmte Tugenden: die deutsche Zucht und deutsche Treue.

Als Walther von der Vogelweide nach den ersten Jahren seines Wanderlebens an den Hof der Babenberger zurückkehrte, begrüſste er sein Wien mit den Worten stolzer Begeisterung für sein deutsches Vaterland:

Lande hab' ich viel gesehen,

Nach den besten blickt' ich allerwärts:

Übel möge mir geschehen,

Wenn sich je bereden lieſs' mein Herz,

Daſs ihm wohlgefalle

Fremder Lande Brauch:

Wenn ich lügen wollte, lohnte mir es auch? Deutsche Zucht geht über alle.

Zucht und reine Minne,

Wer die sucht und liebt,

Komm' in unser Land, wo es noch beide gibt; Lebt' ich lange nur darinne!

Es ist das der schönste Lobgesang auf deutsche Zucht und deutsche Sitte, der von einem unserer nationalsten Dichter aus alter Zeit zu uns herübertönt und heute noch das Herz des wahren Deutschen für ihn erwärmt. Und was ist diese deutsche Zucht? Nun, es ist mit wenigen Worten die Durchbildung des Geistes und Herzens zu einer charaktervollen Persönlichkeit, die Wohlgezogenheit des Menschen als das Ergebnis eines gesunden bildenden Verfahrens bei der zu