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Preufsen, der in aller Deutschen Herzen mächtig wiederklingt. Hierauf darf die Anstalt billig stolz sein; aber in dem Sinne, dals sie aus jenem Vorrecht zugleich die eindringliche Mahnung entnimmt, allezeit dahin zu trachten, daſs dem Namen auch das Wesen entspreche: dals das Wilhelms- Gymnasium eine Hochburg sei, da Liebe und Verehrung, Treue und Hingebung an Kaiser Wilhelm und Sein Erlauchtes Haus sicher wohnet; eine Stätte, da nach dem Vorbilde unseres erhabenen Herrschers, der Geist fester Zucht, unerschütterlichen Pflichtbewufstseins und opferfreudiger Pflichterfüllung bei der empfänglichen Jugend gepflanzt und gepflegt,— da aus dem reichen Schachte des gymnasialen Unter- richts und des durch denselben geweckten freien Studiums und vielseitigen Interesses in und mit dem köstlichen Schatze klassischer Bildung zugleich Adel der Gesinnung und Begeisterung für die besten Gaben und die höchsten Ziele gewonnen wird.
Ja, starker Christenglaube, rechtschaffener Preufsensinn, edle Gesittung, Liebe zur Wissenschaft, Lust zur Arbeit mögen den sicheren Grund bilden, darauf der innere Bau des Wilhelms-Gymnasiums ruht. Dann wird die Schule aller Gefährdung, woher diese auch kommen möge, siegreich trotzen;— dann steht das Haus fest, drinnen wie draufsen. Und ob ein Platzregen fällt und die Gewässer kommen und die Winde wehen und an das Haus stoſsen, so fällt es doch nicht; denn es ist auf einen Felsen gegründet.
Das walte Gott! Er segne und behüte das Wilhelms-Gymnasium für und für!
Hierauf sangen die Versammelten die Strophen 1— 4 des Chorals:„In allen meinen Thaten laſs ich den Höchsten raten“. Danach bestieg Direktor Dr. Heuſsner das Katheder, um mit den nachfolgenden Worten sein Amt anzutreten:
Excellenz, hochgebietender Herr Oberpräsident, hohe Behörden, Gäste und Freunde dieser Schule, werte Herren Kollegen und liebe Schüler!
Im Begriff das Direktorat dieser Anstalt zu übernehmen, fühle ich mich zunächst gedrungen, dem Danke meines Herzens Ausdruck zu geben gegen Se. Majestät unsern Kaiser und Herren, Se. Excellenz den Herrn Kultusminister und seine Räte, sowie Se. Excellenz den Herrn Oberpräsidenten unserer Provinz und die Herren Räte des Provinzial-Schulkollegiums, welche mich für würdig erachteten als der erste Leiter diesem neuen Königlichen Gymnasium vorzustehen, besonders auch zu danken dem Herrn Provinzial-Schulrat für die freundlichen und ermutigenden Worte, mit denen er mich in mein neues Amt einführte. Damit verbindet sich zugleich auch mein Dank gegen die Herren Bauräte und Baumeister, welche dieses Gymnasialgebäude so stolz und stattlich aufgerichtet, sowie gegen die Stadt Cassel, die einen so wesentlichen und hohen Dankes werten Anteil an der Begründung dieser Schule hat.
Es ist das mir übertragene ehrenvolle Amt eine in vielfacher Hinsicht fast beneidenswert zu nennende Auszeichnung und Würde,— aber anderseits auch eine schwere und verantwortungs- reiche Sorge und Bürde; und wie die hohe Aufgabe, die mir gestellt ist, in ihrer Herrlichkeit mein Herz erhebt, so vermag sie in ihrer Schwierigkeit meinen Mut zu beugen und meine Zuversicht herab- zustimmen. Denn habe ich auch schon 5 Jahre zum Teil unter schwierigen Verhältnissen das Amt eines Gymnasialdirektors bekleidet, so war das doch in einer kleinen Stadt und an einer kleinen An- stalt mit einfachster Verwaltung,— heute aber fühle ich so recht, dafs dies wohl die bedeutsamste Stunde in meinem ganzen amtlichen Leben sein mag, da ich diese ganz neue, schon groſse und vor- aussichtlich noch wesentlich wachsende Anstalt in einer groſsen Stadt mit mir zum groſsen Teil ganz neuen Verwaltungsgeschäften zu leiten übernehme. Schwer drückend legt sich mir da auf die Seele die lastende Wucht der Verantwortlichkeit und die ernste Frage: Werde ich dieser Aufgabe gewachsen
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