Aufsatz 
Bonifacius und der Staatsstreich Pipins im Jahre 752 7 / von Heuser
Entstehung
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der Klosterkirche beendigt war, sehen wir den mächtigen Frankenherrscher Karl der Ein- ladung des Abtes zur Einweihung derselben Folge leisten; er erschien in den gastlichen Mauern des ihm lieb gewordenen Klosters mit seiner Gemahlin Hildgard und zwei Söhnen nebst einem glänzenden Gefolge von Edlen, die nach dem Beispiel ihres Königs in Frei- gebigkeit gegen das Kloster wetteiferten.

Kann es uns nun bei dieser Wechselwirkung von königlicher Huld einerseits und ver- wandtschaftlicher Ergebenheit und Dankbarkeit seitens der ersten Aebte noch Wunder nehmen, dass gerade in diesem Kloster jener Bericht von der Salbung Pipins durch den jüngsten Nationalheiligen der Kirche Germaniens zuerst auftritt? Es bedarf nicht einmal der Annahme, dass unter dem Einfluss der Aebte ein gefälliger Mönch der befreundeten Herrscherfamilie mit jener interpolirten Notiz einen Gegendienst erwiesen habe, eine Annahme, die gar nicht ungerechifertigt erscheint, wenn man bedenkt, dass damals das Zeitalter mönchischer Geschichtsmacherei beginnt, die bald darauf in den pseudoisidorischen Decretalen ihr Meister- stück lieferte. Doch es bedarf nicht einmal einer absichtlichen Täuschung. Die Lorscher Annalen, namentlich die grösseren, welche zuerst von der Gesandtschaft Fulrads und Burchards berichten, sind nach den Ermittelungen von Pertz*) jedenfalls erst nach dem Jahr 768 aufgezeichnet worden, und wenn man erwägt, dass der Ruhm des Bonifacius so- gleich in den ersten Jahren nach seinem Märtyrertod ins Ungeheure stieg, so erklärt sich hieraus sowie aus dem mangelhaften schriftlichen Verkehr in damaliger Zeit auch ein nicht absichtlicher Irrthum des Verfassers vollkommen. Er erblickt in Bonifacius den mächtigen Primas der deutschen Kirche, den gewaltigen Legaten des römischen Stuhles, ohne den ein so wichtiges Ereigniss wie die Krönung der neuen Herrscherfamilie nicht geschehen konnte. Wenn er nun dieses Factum noch mit einigen Nebenumständen, der Gesandtschaft Fulrads und Burchards an den Papst ausschmückt, so beruht dies wohl, falls nicht die Erfindung überhaupt dem müssigen Mönch zu Gute zu halten ist, auf einer irrthümlichen mündlichen Ueberlieferung. Aber auch hier kann ein thatsächliches Substrat eingeräumt werden. Dass Pipin seinen Vertrauten Fulrad in jener Angelegenheit an den Papst abgesandt habe, ist recht wohl möglich, ja sogar wahrscheinlich, aber Niemand war zu dessen Begleitung und Unterstützung ungeeigneter als der mönchisch-linkische Burchard, der überdies zu jener Zeit bereits sein Amt niedergelegt hatte und sich in den letzten Jahren seines Lebens nur noch in der herbsten Ascese gefiel. Dem mag nun sein, wie ihm wolle, die neue Dynastie, deren Recht durch die nach dem Lorscher Annalisten von Bonifacius vollzogene Weihe nun weit mehr gesichert war, hatte alle Ursache für die Verbreitung dieser Anschauung zu sorgen. Daher erklärt sich der Uebergang derselben in die zunächst nachfolgenden

*) Monumenta I, p. 124.