Aufsatz 
Bonifacius und der Staatsstreich Pipins im Jahre 752 7 / von Heuser
Entstehung
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fränkischen Annalen*), während diejenigen späteren Quellen, welche unabhängig von karolingischem Einfluss entstehen, weder von jener Gesandtschaft, noch auch von der Krönung Pipins durch Bonifacius etwas wissen**). Dasselbe gilt namentlich auch von den beiden wichtigsten Biographien des Bonifacius, die uns aus alter Zeit erhalten sind, nämlich denen von Willibald und von Othlon. Ersterer stand dem karolingischen Interesse, Letzterer der karolingischen Zeit fern. Willibald schrieb sein Werk kurz nach des Bonifacius Tod, ehe jene Angaben der Lorscher Annalen allgemeine Verbreitung gefunden hatten, und Othlon, der erst in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts lebte und seinen Vorgänger benutzte, hatte keine Ursache mehr die Legitimität der bereits erloschenen karolingischen Familie aus unsicheren Quellen zu erhärten. Beide Biographen erwähnen den Thronwechsel sowie den Tag zu Soissons, ohne nur im mindesten ihren Heiligen mit jenen politischen Händeln in Verbindung zu bringen.

Mögen die dargelegten Gründe hinreichen, um den Bonifacius von der Betheiligung an jenem Staatsstreich freizusprechen! Der Gesammteindruck seines Charakters und Auf- tretens ist gewiss nicht der des Politikers, sondern des redlichen Missionars, der, unbe- rührt von der selbstsüchtigen Politik Pipins, in stiller Emsigkeit seinem Beruf lebte. Und wo er je mit den Grossen seiner Zeit in Berührung trat, da geschah es nicht aus Connivenz für den Ehrgeiz eines ihm wenig gewogenen Mächtigen, sondern lediglich zur Förderung des Zieles, das er aus aufrichtiger Ueberzeugung für seine Lebensaufgabe hielt, nämlich die Kirche Deutschlands, deren Gründer und Ordner er war, in den geschlossenen Organismus der römischen Kirche einzufügen.

*) Beispielsweise erwähne ich die Annales Mettenses(erklürlich durch den Einfluss Bischof Chrodegangs), die Fuldenses, Xantenses, Wirciburgenses, Parisienses St. Germani etc. Das Bestreben der fränkischen Annalisten Pipins Usurpation zu rechtfertigen zeigt sich nicht nur in der stark gefärbten Schilderung des kläglichen Auftretens der letzten Merovinger, sondern gefällt sich später auch in dem Nachweis merovingischen Blutes im karolingischen Geschlecht. Diese Behauptung entbehrt alles historischen Grundes; sie stammt aus dem Ende des 9. Jahrhunderts.

**) Annales Lobienses(Pertz II, p. 195); annales Trevirenses St. Maximini(ibid. p. 213).