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Aus dieser Darlegung der Stellung des Bonifacius zum Majordomus sowie auch zum Papst ergibt sich wohl mit ziemlicher Gewissheit, dass derselbe in keinem Fall den Ver- mittler zwischen Beiden gespielt haben kann. Um so uabegreiflicher scheint es daher, wie jene Ansicht in der Geschichtsschreibung Eingang gewinnen und lange Zeit nicht nur bei deutschen Kirchenhistorikern, sondern auch bei denen des Auslandes die herrschende sein konnte*), obgleich doch gegen diese Ansicht der Umstand, dass die beiden hauptsächlichsten Biographen des Bonifacius aus alter Zeit, Willibald und Othlon, von einer Mitwirkung des- selben bei der Verdrängung der Merovinger nichts wissen, wesentlich in die Wagschale fällt. Bevor wir jedoch zu einer Prüfung derjenigen Quellen übergehen, aus denen die spätere Geschichtsschreibung die entgegenstehende Ansicht geschöpft hat, dürfen wir nicht übersehen, dass nicht nur den früheren fränkischen Klosterannalen eine Einmischung des Bonifacius in die besagte Angelegenheit sowie die Krönung des neuen Königs durch Bonifacius unbekannt ist, sondern dass auch aus der Zeit des Thronwechsels selbst und zwar aus dem neustrischen Franken, also dem Schauplatz der Handlung näher stehend, zwei ausdrückliche Zeugnisse dafür vorhanden sind, dass die Krönung Pipins nicht durch Boni- facius geschehen ist. Das erstere derselben, von dem unbekannten Verfasser des Nachtrags zu Gregors von Tours Schrift de gloria confessorum**), erwähnt ausdrücklich der Salbung Pipins per manus beatorum sacerdotum Galliarum, ohne des Bonifacius nur mit einem Worte zu gedenken. Das andere Zeugniss, von dem Verfasser des dritten Nachtrags zu Fredegars Chronicon***) erzählt, wie Pipin durch die Wahl sämmtlicher Franken nach ein- geholter Genehmigung des apostolischen Stuhles sowie nach Beseitigung des Widerstandes einiger Grossen des Reichs zur königlichen Würde erhoben und nebst seiner Gemahlin Bertrada von den Bischöfen gekrönt worden sei; also bleibt auch hier eine hervorragende Mitwirkung des Bonifacius, der als päpstlicher Legat jedenfalls eine besondere Er- wähnung verdiente, ausgeschlossen. Und nicht wenig wird dieses negative Zeugniss noch durch den Umstand verstärkt, dass nach einer erst in neuerer Zeit entdeckten Andeutung ein Oheim Pipins, Graf Childebrand, der Verfasser dieses Nachtrages zu Fredegars Chronicon ist; denn gewiss würde derselbe im Interesse seines Neffen nicht verfehlt haben die Mit-
*) Als Vertreter der englischen Kirchenhistoriker mag beispielsweise Thomas Wright, der als vorsichtiger Forscher bekannte Verfasser der oben erwähnten Biographia Britan- nica Literaria(London 1842) gelten. In seiner Lebensbeschreibung des Bonifacius(Anglo- Saxon Period. pag. 328) sagt er:»In 750, Burchard was sent to Rome to consult with Pope Zacharias on the expediency of setting aside the dynasty of the Merovingian Kings, and in 751, Pepin obtained the reward of his zeal in enforcing the unity of the church; he was anointed king of the Franks at Soissons by the hands of Bonifuce etc.«
**) Mabillon, de re diplomatica V, p. 384.
**) Bouquot, scriptores rerum Gallicarum II, p. 460.


