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Herzen lagen. Alle diese Vorgänge entfremdeten den Bonifacius dem fränkischen Herrscher- haus immer mehr, und ein Brief an den Kronprätendenten Grippo(Grifo), einen Halbbruder Pipins, der in Verbindung mit den Sachsen und Baiern 741 einen Aufruhr gegen Pipin er- regte, verräth nicht geringe Sympathien für denselben*). Er bittet ihn im voraus(si tibi Deus potestatem donaverit) um Schutz für seine kirchlichen Stiftungen in Thüringen und versichert ihn der Mithülfe seines Gebets(cognoscite quod memoria vestra nobiscum est coram Deo). So schreibt der geistliche Oberhirt Germaniens, und man ist aus diesem seinem Verhalten zu so kritischer Zeit sicherlich zu der Annahme berechtigt, dass ein Mann von so geringer Hinneigung zu der Person und den Interessen des Majordomus von letzterem gewiss nicht zum Vermittler in der Thronangelegenheit erwählt worden sei, oder falls Pipin über diese seine Gesinnungen in Unkunde geblieben wäre, dass Bonifacius sich zu einer solchen Vermittlerrolle herangedrängt habe. Am deutlichsten aber erhellt die Unmöglichkeit einer Betheiligung des Bonifacius an der grossen Staatsintrigué aus seiner Stellung zu Pipin in und nach dem Jahre 752, in welchem der Kronraub geschah. Ein Brief an den neuen König**) von 753 oder 754 lässt uns einen Blick in seine damalige Lage thun. Im Vor- gefühl seines nahenden Todes erfleht Bonifacius die Versicherung einer königlichen Unter- stützung für seine armen Gehülfen und Mönche, die aus England zum Bekehrungswerk herüber gekommen waren, und die, wenn durch seinen Tod verwaist, an den heidnischen Grenzen dem Mangel erliegen würden. Sie hätten, so schreibt er, kaum das tägliche Brod, entbehrten aber der Kleidung u. s. w., und so bittet er den König inständigst sie nicht umkommen zu lassen. Und in einem Brief an den Abt Fulrad von St. Denys***), dem als Archicapellan des Königs zugleich auch die Leitung der kirchlichen Angelegenheiten wenigstens Neustriens oblag, bittet er den einflussreichen Mann in den demüthigsten und unterwürſigsten Ausdrücken um Verwendung beim König, bittet um eine Audienz, und als ihm diese geringfügigen Bitten gewährt werden, weiss Bonifacius in seinem Dankschreiben †) an Pipin nicht Lobeserhebungen genug für diesen Act königlicher Grossmuth. Man ersieht hieraus, wie unvereinbar seine thatsächliche Stellung mit derjeuigen ist, die ihm die diplo- matische Einfädelung und Leitung jenes Staatsstreichs oder auch nur die Krönung des Königs, die nach Angabe so vieler Chroniken durch Bonifacius geschah, verschafft haben würde. Wie ganz anders hätte er dem König und dessen Umgebung gegenüber auftreten können, wenn derselbe ihm seine Krone verdankte! Was aber den Krönungsact zu Soissons insbesondere betrifft, so zeigt das Glückwunschschreiben †. †) des Bonifacius an den neuen Papst Stephan II., der im Frühjahr 752, also ziemlich gleichzeitig mit Pipin zur Regierung gelangte, dass unser Missionar gerade zu jener Zeit, fern vom linksrheinischen Frankenreich,
*) Epist. 40.—**) Epist. 85.—**) Epist. 84.— †) Epist. 105.— ††) Epist. 106.


