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die zuvor eingeholte Genehmigung des Papstes in Abrede stellten*), wohingegen wieder das rein hierarchische Interesse eines Gregor VII., das sich um politische Recht- oder Unrechtmässigkeit wenig kümmert, jenen Dynastienwechsel als einen Machtausfluss der Curie darstellt**νπ). Sonderbar genug stimmt mit dieser hyperkatholisch-hierarchischen Anschauung am meisten das gleichfalls einseitige Urtheil Ludens, Eckhardts und anderer streng prote- stantischer Historiker, welche den Papst und dessen Helfershelfer Bonifacius als die eigent- lichen Veranstalter jenes Kronraubs hinstellen, indem sie zuerst jenen Gedanken in Pipin erweckt und dessen Ausführung mit allen Mitteln unterstützt hätten***ε). Schon eine flüchtige Betrachtung der allerdings erst in der Neuzeit besser aufgehellten damaligen Zeit- umstände sowie der jelzt weit zugänglicher gemachten Quellen zeigt die Unhaltbarkeit jener extremen Ansichten. Die Wahrheit scheint, wie so oft im Streite der Parteien, auch hier in der Mitte zu liegen; die Einmischung Roms in Pipins Staatsstreich ist ebenso leicht erweislich wie die Selbständigkeit und Initiative Pipins. Erst nach Erledigung dieser Fragen lässt sich des Bonifacius Mitwirkung bei dem Sturz der Merovinger bestimmen.
Dass eine Verständigung zwischen Pipin und dem Papst dem Thronwechsel voraus- ging, ist mit Sicherheit anzunehmen, da das beiderseitige Interesse in diesem Punkt zu- sammentraf. Die römischen Bischöfe befanden sich bis dahin erst auf dem Wege zur geist- lichen Oberherrschaft über die Christenheit des Occidents, und am wenigsten hatten sie dieses Ziel bei den bisher bekehrten Stämmen Germaniens erreicht, deren Freiheitsliebe sich nicht leicht unter das Joch St. Peters beugen mochte. Hier hatten grossentheils altbritische Missionare gewirkt, deren kirchliche Tradition weit über die augustinische Bekehrung Britanniens hinaufreichte, und die deshalb von speciſisch-römischen Satzungen und Ordnungen nichts wussten noch wissen wollten und den Fortschritten des römischen Supremats im rechtsrheinischen Frankenreich sich erfolgreich entgegensetzten. Nichts konnte also der Curie vortheilhafter sein, als wenn es gelang den Mächtigsten in jenen Landen durch Unterstützung seiner ehrgeizigen Pläne sich zu Dank zu verpflichten, und zwar einen Mann, dessen Ahnen bereits mehrmals den römischen Stuhl gegen seine erbittertsten Feinde, die Longobarden, in Schutz genommen hatten. Bei dem immer bedenklicheren Vorrücken
*) Pierre Rival, dissertation si le Pape Zacharie déposa Childeric III.?(in seinen disser- tations historiques et critiques). Ebenso bei Natalis Alexander, dissertatio de trans- latione regni Francorum a Childerico ad Pipinum. Gérard Dubois, dissertatio de Pipini electione etc. Paris 1690..
**) Gregor VII. schreibt an seinen Freund Hermann, Bischof von Metz:»Romanus pontifex regem Francorum... a regno deposuit et Pippinum... in illius locum substituit omnesque Francigenas a juramento fidelitatis quod illi fecerant absolvit«.
***) Luden, Geschichte der Teutschen, IV, S. 181; Eckhardt, Francia orientalis I, p. 495 sedq. 1


