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Würdigung zu Theil werden zu lassen. Die nachfolgende Untersuchung hat den Zweck, einen streitigen Punkt aus seinem Leben, der aber zur Beurtheilung des Charakters und des Wirkens dieses Glaubensboten von ungemeiner Wichtigkeit ist, nach möglichst genauer Durchsicht der Quellen zu erörtern: es ist die Frage, ob Bonifacius bei der Verdrängung der Merovinger vom fränkischen Thron betheiligt gewesen sei und durch die Krönung Pipins zu Soissons jenen Staatsstreich sanctionirt habe.
Die althergebrachte und auch noch von Historikern der Neuzeit*) vertretene, obwohl durch Reitbergs Kirchengeschichte Deutschlands(Göttingen 1846) wesentlich erschütterte Ansicht über jenen Vorgang zu Soissons ist die, dass Pipin vor der Ausführung seines längstgehegten Planes den Bonifacius als Vermittler mit dem Papst Zacharias benutzt und alsdann den Archicapellan Fulrad von St. Denys nebst dem Bischof Burchard von Würzburg mit der Anfrage an den Papst abgesandt habe, ob nicht besser derjenige auch den könig- lichen Titel führte, der die Macht besässe, als der, welcher den blossen Namen eines Königs trüge. Die günstige Entscheidung des Papstes habe dann den Major-Domus ermuthigt den Thronwechsel gewaltsam ins Werk zu setzen, der darauf durch die Salbung Pipins seitens des Bonifacius als des päpstlichen Legaten auch die kirchliche Weihe erhalten habe, und einige Jahre später habe Papst Stephan II.(oder III. 2) jene Salbung an Pipin und seinen Söhnen feierlich wiederholt.
Was oben im allgemeinen von dem Charakterbild des Bonifacius bemerkt wurde, wie es,„von der Parteien Hass und Gunst getrübt“, in der kirchlichen Historiographie schwankte, findet auch sein Spiegelbild in der kritischen Beurtheilung, die jener Bericht über die Vor- gänge des Jahres 752 gefunden hat*), indem es bei einer so wichtigen Frage nur zu natürlich war, dass das Parteiinteresse die Unbefangenheit der historischen Forschung von vorn herein erstickte. Man hat von einem einseitigen katholisch-apologetischen Standpunkt aus jede Einmischung des Papstes in die erwähnte Angelegenheit zu leugnen gesucht, um den ihn treffenden Vorwurf wegen der Unrechtmässigkeit jenes Schrittes abzuschneiden***⁴), während andererseils französische Katholiken im Interesse der im 17. Jahrhundert erfochtenen gallikanischen Kirchenfreiheit einem solchen eclatanten Präcedenzfall päpstlicher Einwirkung auf das alte Frankreich abhold waren und schon darum die oben erwähnte Angabe über
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*) Beispielsweise erwähne ich Thomas Wright in seiner Biographia Britannica Literaria (London 1842) Anglo-Saxon Period. Boniface; desgleichen den katholischen Apologeten des Bonifacius, Seiters, Bonifacius, der Apostel der Deutschen. Göttingen 1845.
**) Die gleichfalls streitige Frage, ob der Dynastienwechsel nicht schon in das Jahr 751 oder gar 750 zu setzen ist, lasse ich hier, als nicht direct die Hauptsache berührend, unerörtert.
***) Le Cointe, annales ecclesiastici Francorum, ad annum 752, no. 8 seqq.


