Aufsatz 
Beiträge zur Erklärung des Propertius / von Professor J. Hetzel
Entstehung
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zu nennen bringt oft Erleichterung. Dass ni pudor est, wie Bährens mit Heinsius schreibt, in diesem Zu- sammenhang sinnstörend sein würde, bedarf keines Be- weises; ausserdem ist si pudor est, worüber Burmann Stellen anführt, feststehende Formel, welche nicht bloss gegen Schamlosigkeit, sondern auch gegen Härte und Hartnäckigkeit sich richtet. Vergl. Ovid. Amor. III, 2, 24 und Juven. 3, 154.

I., 15, 33. Quam tibi ne viles isti videantur ocelli.

So lautet die bestbeglaubigte Lesart dieses Verses. An tibi muss festgehalten werden, da sicherlich dieses Wort nicht durch Fälschung an Stelle von mihi gesetzt ist, wie denn auch gerade die interpolierten Handschriften mihi bieten. Die erste Sylbe des Verses scheint im Archetypus unlesbar geworden zu sein, vielleicht aber ist auch durch Abirren des Auges das Wörtchen quam aus v. 31 hier wiederholt worden. Das von Lachmann auf- genommene Nam mihi ist nicht annehmbar, weil er das sowohl durch die Ueberlieferung als auch durch den Sinn der Stelle geforderte tibi preisgiebt. Diesen hat Bährens richtig erkannt.Verachte du deine Augen nicht, denen ich geglaubt habe, bei denen du mir Treue geschworen hast. Dieser Gedanke aber, der durch zwei Distichen durchgeführt wird, darf nicht durch das unterordnende dum an die Versicherung der eigenen Treue in V. 29 32 angehängt, sondern muss selbständig entgegengestellt werden. Darum ist zu schreiben:

At tibi ne viles isti videantur ocelli.

I., 16. Entgegen der im Programm von 1876 von mir ausgesprochenen Ansicht beziehe ich diese Elegie jetzt auf Cynthia, wie dies ja fast allgemeine Annahme ist. Gerade die Form, welche Propertius gewählt hat, bei welcher der Name nicht genannt wird, ermöglichte es eher so starke Vorwürfe auszusprechen, welchen indessen