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Ansicht, das zweite Buch(II u. III nach Lachmann) sei nie von dem Dichter selbst, sondern— in so fragmen- tarischer Gestalt wie es uns vorliegt— von dessen Freunden herausgegeben worden, werden nicht viele sich aneignen. Jedenfalls aber sind wir bei Propertius nicht bloss in diesen beiden Büchern, sondern auch in den angrenzenden oft genötigt, die Aechtheit des Wortlautes nach Feststellung der Ueberlieferung auch noch an dem zu prüfen, Kas als Gedanke und Tendenz des Dichters sich aus dem Ganzen klar erkennen lässt. So beweist für II, 34, 29 die Tendenz der ganzen Elegie unzweifelhaft dass Bährens das überlieferte und schwerlich je heilende crethei der Handschriften unrichtig in munc Tei geändert hat; an Homer durfte man mit Scaliger, welcher Smyr- naei schrieb, oder mit L. Müller, welcher epe Chii auf- genommen hat, denken, aber nimmermehr an Anakreon. In demselben Gedichte gewinnt man aus dem Verständnis des Ganzen Licht für Lesart und Erklärung des folgenden Distichons, wo L. Müller, mit Recht Eldike und Jakob sich anschliessend, liest:
Tu satius memorem lusus imitere Philetan Et non inflati somnia Callimachi.
Marx glaubt hier, Philetas sei Callimachus entgegen- gestellt. Es entsprechen aber vielmehr die somnia des einen den lusus des andern, beide dienen den leviores Musae und non inflatus heisst Callimachus, weil er nicht in eitlem Stolz nach allzu Hohem strebt.
Wie in solchen Fällen der Hinblick auf die Tendenz des Ganzen auch in kritischer Hinsicht unterstützt, so, und noch mehr, wo es sich um die Frage handelt, ob wir ein oder zwei Gedichte anzunehmen haben. Wenn Scaliger dem Texte unsers Dichters dadurch Heilung zu bringen suchte, dass er das, was Fragment, oder was verschoben war oder schien, nach der Verwandtschaft des Inhalts zu ordnen und zu vereinigen unternahm, so


