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Darum aber erwächst dem Verständniss des Dichters eine bedeutende Schwierigkeit aus dem Zustand, in dem die Sammlung seiner Dichtungen uns überliefert ist.
Wie es mit den Quellen des Textes steht, darüber ist durch eine Reihe verdienstlicher Forschungen Lachmanns, Hertzbergs, Keils, Haupts, Heimreichs und Luc. Müllers hinreichende Sicherheit gewonnen: die wichtigeren Handschriften sind charakterisirt, die zuverlässigste im Neapolitanus nachgewiesen; auch das ist festgestellt, dass unsere ganze handschriftliche Ueber- lieferung auf eine einzige Quelle zurückweist.
Diese Quelle aber hat, wie alle zugestehen, uns die Sammlung der Elegien des Pro- pertius im zweiten und dritten Buch nicht unversehrt, und, wie manche glauben, das Ganze nicht in der ursprünglichen Ordnung überliefert.
So wahr es ist, dass die Flüchtigkeit und Verwegenheit, mit der Scaliger die vor- gefundene Masse durch Umstellung lesbar zu machen suchte, der Kritik und Erklärung zwei- hundert Jahre lang den Boden der ungefälschten Ueberlieferung entzogen hat, so kann doch nicht verkannt werden, dass der Zustand nicht bloss des zweiten Buchs gegründeten Anlass zu seinem Versuch gegeben hat. Ist dieser misslungen, so ist andererseits mit dem Satze, den Lachmann in seiner epochemachenden ersten Ausgabe aufstellte, dass nur zwischen dem zweiten und dritten Buche(seiner Zählung nach) grössere Lücken anzunehmen, auch einige wenige Distichen umzustellen seien, kaum das letzte Wort über die Integrität der Sammlung gesprochen.
Die erotischen Elegien des Propertius sind im guten Sinne des Wortes Gelegenheits- gedichte, darum nur verständlich, wenn wir die Situation kennen, auf welche die ausgesprochenen Empfindungen sich beziehen. Die Situation aber ist in vielen Fällen nur mit wenigen Zügen angedeutet, in manchen so kurz, dass sie nur errathen werden kann. So steht es für uns; sicherlich stand es nicht so für die ersten Leser, welchen durch die Reihenfolge dieser Gedichte, welche nicht Vereinzeltes, sondern die innere Geschichte des Dichters enthalten, ohne Zweifel die nöthige Erklärung gegeben war. Nur so war es möglich oft ganz ohne erzählende Einleitung, wie in kleinen dramatischen Scenen, Empfindung und Leidenschaft zu unmittelbarem Ausdruck zu bringen. Zudem stehen die Gedichte theilweise in gegenseitiger Beziehung. Durch die Anordnung musste also der Dichter dem Verständniss zu Hilfe kommen; und dass er es gethan, beweisen einzelne Gruppen, die passend geordnet sind, insbesondere die Elegien des ersten Buchs, in welchen der Verlauf der Erlebnisse sich ohne Schwierigkeit verfolgen lässt. Finden wir nun an vielen Stellen der Bücher 2—4 eine Anordnung der Gedichte, die theils das Verständniss erschwert, theils die Wirkung erheblich beeinträchtigt, so können wir nicht zweifeln, dass sie der Absicht des Dichters nicht entspricht.
. Weas nun die Frage betrifft, ob der Dichter selbst die Sammlung seiner Lieder geordnet und herausgegeben, so glaube ich hinreichend begründen zu können, dass dies bei den ersten vier Büchern(ich folge durchgängig der Lachmann'schen Zählung in Ausgabe 2) der Fall ist. Ist in diesen Büchern auch die chronologische Ordnung sichtlich gestört, so bilden sie doch ein abgeschlossenes Ganzes, dessen letztes Lied(IV, 24 und 25), indem es das Ende der Leiden- schaft ankündigt, auf das erste Lied, welches ganz den Charakter einer Einleitung trägt, deutlich zurückweist. Man vergleiche I, 1, 27:
Fortiter et ferrum, saevos patiemur et ignes, Sit modo libertas, quae velit ira loqui,
und IV, 24, 11:
Haeo ego non ferro, non igne coactus, et ipsa Naufragus Aegaea vera fatebar aqua,


