Zur Erklärung des Propertius.
Das Verständniss der Elegien des Propertius fordert in besonderem Masse Beachtung der Eigenthümlichkeiten des Dichters in Sprache und Darstellungsweise.
Wahrheit und Tiefe der Empfindung, eine in voller, scheinbar ungezügelter Glut lodernde Sinnlichkeit neben einem sich nie verleugnenden Idealismus, der jetzt dem Gegenstande der Leidenschaft höheren Reiz verleiht, jetzt vor ihr fliehen will, stets aber unter die weichen oder stürmischen Klänge Aeusserungen ernster Gesinnung mischt, in bald milden und erhebenden, bald herben und bitteren Tönen,— das ist es, was diesen Elegien(ich rede von der Mehrzahl, den Cynthialiedern) ihren Inhalt gegeben, so ist das Gemüth, das aus ihnen spricht. Den Ausdruck aber hat, wenn auch in den Formen der griechischen Poesie, ein Dichtergeist sich geschaffen, der bei aller Verehrung der fremden Meister, die ihn angeregt haben und aus denen er die Fülle griechischer Sagen schöpft, doch seines eigenen künstlerischen Berufes und seines Zieles klar bewusst ist. Es beweist dies die Bestimmtheit, mit der er wiederholt die Hinwendung zum Epos ablehnt, für welches er sich nicht geschaffen fühlt, und das hohe Selbstgefühl, mit dem er sich rühmt, im elegischen Lied den Römern neue Bahnen eröffnet zu haben; aber nicht minder beweist es die ausgeprägte Technik, mit der er die Gattung eigenthümlich be- handelt, die künstlerische Berechnung, die in dem Plan jedes Liedes, wie in dem knapp und sorgsam bemessenen Ausdruck sich offenbart.
Die Sprache erstrebt sichtlich Unmittelbarkeit der Wirkung durch Prägnanz des Aus- drucks, durch kühne Figuren, auch durch Anwendung ungewöhnlicher syntaktischer Formen, welche die Kürze begünstigen. Gedanke reiht sich an Gedanke mehr sprudelnd als strömend, wie es der Sprache der Empfindung eigen ist; der ausgesprochene Satz deutet nicht selten auf Vorangehendes oder Folgendes, das zwischen den Zeilen zu lesen ist.
Dies alles kann zur vollen Wirksamkeit nur kommen, wenn wir in Sprache und Dar- stellungsweise des Dichters hinreichend eingeweiht sind. Mehr als sonst gilt hier, dass ein Schriftsteller vor allem aus sich selbst erklärt werden müsse, und dass nicht nur das Ver- ständniss des Einzelnen Voraussetzung für das des Ganzen sei, sondern auch aus der Beleuch- tung des Ganzen Licht auf das Einzelne zurückfalle. Was wir in Sprache und Darstellung, was wir in Denkweise und Empfindung dem Dichter zutrauen können, wird bei jeder dunkeln
Stelle mit in Betracht kommen. 1


