Aufsatz 
Helfrich Bernhard Hundeshagen und seine Stellung zur Romantik. Nebst 2 Beilagen.
(2 Briefe von Jacob Grimm.)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Helfrich Bernhard Hundeshagen

und seine Stellung zur Romantik.

Der Mann, von dessen Leben und Wirken die folgenden Blâtter berichten sollen, ist in der verhältnismässig kurzen Zeit, die zwischen seinem Dasein und heute verstrichen ist. fast ganz der Vergessenheit anheimgefallen. Und doch war ihm ein reiches, vielbewegtes Leben beschieden, dessen Streben und Schaffen, wie der Verfasser gern glauben mõchte, geeignet ist, einmehr als nur flüchtiges Interesse zu erregen. Von hoher natürlicher Begabung, ausgerüstet mit nicht gewöhnlicher Arbeitskraft und Arbeitslust, geleitet von einem feinen Gefühl und Verständnis für die grossen Schöpfungen der Kunst und Wissen- schaft, tritt uns in ihm eine Persönlichkeit entgegen, die zu ihren Lebzeiten in weiten Kreisen geistig hervorragender Männer einer nicht alltäglichen Beachtung sich zu erfreuen hatte. Der geniale, vielseitige, man darf sagen, für sein Lebensglück zu vielseitige Mann galt nicht nur im Kreise derer, die ihn kannten, für geistreich und anregend, sondern er hat sich auch schriftstellerisch in einer Weise bethatigt, die bei den urteilsfähigsten Geistern seiner Zeit die höchste Anerkennung fand. Trotzdem haben seine Werke keine weite Ver- breitung gefunden, und selbst in vielen grösseren Bibliotheken wird man vergeblich nach ihnen fragen. Den Erklärungsgrund für diese Thatsache giebt die Ungunst der Zeitver- hältnisse, in der sie entstanden, und das Darniederliegen gerade der Kunstrichtung, in deren Gebiet sie gehören; ihr Inhalt und Zweck würde ihnen gewiss unter günstigeren Bedingungen eine grössere Verbreitung und gerechtere Würdigung gesichert haben. Der Geist, der sie durchweht, ist der der Romantik. Man kann mit vollem Recht auf sie anwenden, was von den Werken der Dichter und Denker, die der romantischen Schule zugerechnet werden, gesagt wird: die Poesie drang mit Macht in die Wissenschaft, in die bildende Kunst, in das Leben.¹) Auch aus Hundeshagens Werken leuchtet der Gedanke hervor, dass die Poesie wieder hinausströmen müsse in die Welt der Erscheinungen, um den Geschmack zu ver- edlen und die Fähigkeit ästhetischen Geniessens zu wecken, zu erhöhen und zu befriedigen, auch in ihm ist der Gedanke lebendig, dass die Einheit zwischen Poesie und Leben wieder

¹) Cf. Vilmar, Geschichte der deutschen National-Literatur, S. 546.