Aufsatz 
Fischenich und Charlotte von Schiller. Aus ihren Briefen und andern Aufzeichnungen
Entstehung
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Weimar war, und wir haben viel an ihm verloren. Er iſt Anfangs verſchloſſen und geht ſeinen eigenen Weg; aber er theilt gern ſeine Erfahrungen mit, wenn er fühlt daß man ihn verſteht. Ich bin ſeit dem 2. d. M. hier, wo ich bei der guten Mutter in den freundlichen Bergen lebe, und die Erinnerungen meiner Jugend, meines ſpätern Lebens mich umgeben und wo ich alle Gegenſtände wieder erblicke, die mich an ſo manche liebe Erſcheinung meines Lebens mahnen. Da lebte Schiller einen Sommer mit uns 1788. Später kamen wir in den Ferien zu meiner Schweſter die ehemals an den Geheimrath von Beulwitz verheirathet war; ſeit ſie ſich trennten und beide dadurch glücklicher wurden, hätte die gute Mutter gern geſehen daß meine Schweſter ſie nicht verlaſſen hätte. Ich kam oft von Jena um zu tröſten. Auch als Sie bei uns waren, war ich hier, und als Sie 92 von uns gingen; auf lange lange Zeit reiſten wir hieher. Ihr Andenken iſt auch hier gegenwärtig, und iſt ein lichter Punkt der Vergangenheit. Heute iſt Ernſt gewiß in Köln und wird den Dom beſuchen. Er war einige Tage in Frankfurt; von da aus habe ich Nachricht. Er wird ſich einſam fühlen ohne uns ꝛc. Die Natur iſt ſo freundlich um mich, die waldbewachſenen Berge ſind von der Sonne erhellt, die Vögel ſingen und flattern in der blauen Luft vor meinem Fenſter. Der Umgang der geiſtreichen Fürſtin(eine Prinzeſſin von Homburg) und ihrer Schweſter iſt mir hier ſehr erfreulich; ſie hat ſo ernſte große Anſichten über das Leben, und hat ſchon viel verloren was ihr lieb war; man findet immer einen Anklang der eigenen Gefühle wieder. Sie ſpricht ſo gern über Geſchichte über philoſophiſche Gegen⸗ ſtände daß man recht viel von ihr hören möchte. Ich wohne bei der guten Mutter die ich pflegen möchte, aber ſie iſt oft lebendiger als ich ſelbſt. Ich bleibe dieſen Monat hier; alsdann hoffe ich noch Karl zu beſuchen und in Würtemberg Trauben zu eſſen. Ich erwarte noch nähere Briefe von ihm, weil er nach einem Brief den er dem König von W. ſchrieb, einer andern Beſtimmung entgegenſieht. Blieb' er für jetzt an der Schweizergränze, ſo möchte ich auch einige Meilen weiter ſtreifen und wenigſtens Schaffhauſen und den Rheinfall wiederſehen. Karl wohnt zehn Stunden vom Bodenſee; wie würden dieſe Eindrücke auch den Töchtern wohlthun. Die Natur iſt die bleibende heilende Freundin; die Freude an der Welt und den Menſchen wird doch oft getrübt, aber die Natur bleibt uns wenn wir ihr treu bleiben. Sagen Sie mir bald ein Wort lieber Freund! Richten Sie Ihre Briefe nach Weimar, denn von Berlin aus iſt die Mit⸗ theilung viel leichter dorthin als nach Rudolſtadt. Ich habe eine kleine Hoffnung daß Sie mir vielleicht ſchon geſchrieben haben könnten und daß ich nächſte Woche vielleicht den Brief von Weimar erhalte. Wenn Sie zu allen guten und lobenswerthen Eigenſchaften die ich an Ihnen ſchätze, auch dieſe beſäßen gern Briefe zu ſchreiben, ſo würden Sie mir wohl viel Freude dadurch machen. Caroline und Emilie grüßen herz⸗ lich. Sagen Sie mir wie Sie Körner's gefunden haben; mit ihnen kann ich nicht über meine Kinder ſprechen, ihr Schickſal iſt ſo traurig; man möchte keine Saite berühren die ſo ſchmerzlich widerklingt. Leben Sie wohl, recht glücklich; alles Gute ſei mit Ihnen! Charlotte Schiller.

Noch im Sommer reiſte ſie mit den Töchtern nach Würtemberg. Karl war damals in Altshauſen, im ehemaligen Deutſchordensſchloß. Im Jahr 1817, nachdem er gänzlich aus ſeinem Regiment ausgeſchieden, wandte Frau von Wolzogen ſich nach Stuttgart an die Königin Katharina, die es immer wohl meinte mit Schiller's Familie; und er kam nun in Würtembergiſche Dienſte. Anfangs arbeitete er in Stuttgart im Bureau; es ſagte ihm nicht zu, er wollte lieber auf's Land; und kam als Forſtaſſiſtent nach Altshauſen, wo noch ein Oberförſter und ein Revierförſter war. Charlotte blieb beinah drei Wochen in Stuttgart. Ueber Ulm reiſte ſie nach Altshauſen. Den Rheinfall ſah ſie am 7. September beim Glühen der Abend⸗ ſonne. Am ſelben Tage war ihre Schweſter in Köln bei Ernſt, ging mit ihm nach Deutz in den ſo ſchön am Rhein gelegenen Garten, ſah vor ihr die alte heilige Stadtin den Wellen ſich ſpiegeln. Ernſt hatte Weimar verlaſſen, wo der Großherzog wenig freundlich gegen ihn war trotz der lebhaften Theilnahme der Erbgroßherzogin Maria. Frau von Wolzogen hatte 1818 an Wilhelm Humboldt geſchrieben, kurz vor ſeiner Abreiſe von Aachen wo er beim Kongreß war. Er ſprach ſogleich mit dem Juſtizminiſter Beyme. Von Frankfurt aus ſchrieb er am 17. December an Charlotte:Sie können glauben, wie unendlich es mich gefreut hat, da Alles was mit Schiller und Ihnen zuſammenhängt, meinem Herzen ewig unendlich theuer bleibt. Ich habe den Miniſter Beyme ſo zuvorkommend und bereitwillig gefunden, daß es kaum mehr als eines einzigen Wortes von meiner Seite bedurfte. Ernſt ward denn in Köln angeſtellt als Landgerichtsaſſeſſor. 3(Schluß und Ergänzungen ſpäter.)