36— 1814—
Charlolte an Fiſchenich.
Mit einem eigenen wehmüthigen Gefühl lieber Freund, habe ich Carl's Brief vom 25. März erhalten worin er mir ſo herzlich über Sie ſchreibt; ob er gleich wenig Worte zu machen weiß, ſo iſt der Ausdruck ſeiner Liebe und Anhänglichkeit doch wahr und tief. Er ſagt mir Sie hätten ihm gleich bei der erſten Zuſammenkunft Liebe und Vertrauen eingeflößt ꝛc. Auch ich danke Ihnen herzlich für die Aufnahme, den Antheil den Sie ihm zeigten; ich weiß an meinem eigenen Gefühl abzunehmen, wie der Anblick Carl's in Ihnen Wehmuth und Freude erweckt hat. Sie werden des geliebten Vaters Züge und Geſtalt auch mit Rührung wiedergefunden haben. Daß ich Carl unter dieſer Geſtalt Ihnen zuſenden ſollte, dachte ich nicht! Ein neues ſchweres Schickſal hat mein Herz ergriffen; ich kenne alle Gefahr ſeines Standes, habe alle traurigen zerreißenden Details des Kriegs erlebt. Ich glaubte ihn durch ſein forſtwiſſenſchaftliches Studium frei von dieſem Dienſt; doch wollte es das Schickſal anders; und ich fühle trotz meinem Kummer daß ich eine Deutſche bin, das Theuerſte aufopfern muß um den hohen Zweck zu erreichen, und daß Carl's ganze künftige Lauf⸗ bahn, wenn ich vermocht hätte ihn abzuhalten, getrübt worden ꝛc. Ich hoffe wenn ihn Gott mir erhält, daß er doch noch ſeine ſpätern Tage ſeinem Fach das er mit Liebe und Fleiß ergriffen hatte, treu bleiben kann; eine bleibende militäriſche Laufbahn wäre mir ſchmerzlich. Aber wir müſſen das Schickſal walten laſſen und ihm vertrauen. Carl wird Ihnen von Ernſt von ſeinen Schweſtern erzählt haben. Bis jetzt hat er noch keine Gelegenheit verſäumt wo er mir ſchreiben konnte, zu ſchreiben. Wenn er tiefer in die Niederlande eindringt und vielleicht an Orte kommt wo die Communication ſchwer iſt, werde ich nicht ſo oft Nachricht haben können. Er ſchreibt mir daß er Ihnen geſagt, wenn er verwundet würde ſich nach Aachen bringen zu laſſen. Lieber lieber Freund, das Herz blutet mir wenn ich dieſe Möglichkeit denke, und doch kann es ſein. Ich weiß aber daß ich dann auf Ihre Güte auf Ihre brüderliche Liebe rechnen darf. Auch habe ich eine Bitte an Sie, ob Sie mir Auskunft geben können ob ich Ihnen einen Wechſel auf Frankfurt und auf welches Haus ſenden könnte. Sie hatten die Freundſchaft Carl ſechs Carolin mitzugeben. Ich wünſchte daß Sie mir ein Haus anwieſen in Frankfurt wohin ich ſie auszahlen kann. Ich möchte Ihnen 100 Thaler ſenden dürfen, daß die übrigen 60 Thlr. bei Ihnen niedergelegt würden, damit Carl ſich an Sie wenden kann wenn er ſchnell Geld braucht; da ich doch weiter von ihm bin und er ein Unglück haben könnte welches nicht vorauszuſehen iſt. Wenn er ſeinen Onkel gefunden hat und Offizier wird, ſo bedarf er nicht viel Zuſchuß von mir. Auch ſoll ich Sie im Namen meiner Schweſter bitten, die ſich Ihnen herzlich empfiehlt, wenn ihr Sohn Adolph in Ihre Nähe kömmt, ihn auch freundlich aufzunehmen und wie jemand der uns angehört. Auch möchte ich Ihnen meinen Schwager empfehlen wenn er nach Aachen käme. Und wenn Sie einen Wunſch haben den er befriedigen kann, er wird einen ſo treuen Freund unſrer Familie auch mit eben der Liebe und Antheil behandeln als wir. Ueber Carl bin ich eigentlich ruhig; ſeine Laufbahn wird unter dem Schutz unſres Herzogs wie durch die Sorgfalt des General Wolzogen ſo angenehm wie möglich ſein. Aber ſo viel Liebe ich ihm bereiten, ſo viel gute Menſchen ich für ihn gewinnen kann, je mehr wird mein Herz leichter. Sie ſind mir ein großes Geſchenk des Himmels durch Ihre Freundſchaft und Vorſorge. Haben Sie nochmals herzlichen Dank! Auch Graf Belderbuſch hat ſich ſo theilnehmend gezeigt und es iſt mir auch recht tröſtend. Sagen Sie es ihm auch, wenn Sie ihm ſchreiben. Sie ſind mir recht gegenwärtig oft lieber Freund! Die gute Auguſte muß oft von Ihnen erzählen. Sie ſagt Sie ſähen meiſt ernſthaft aus; freilich hat die Zeit manche Furchen in das Herz wie in die Züge gezogen; und die Tage wo wir das Leben noch von einer hellern Seite anſehen konnten, ſind längſt vor⸗ über!— Körner's Unglück wiſſen Sie? Daß er dieſen geliebten Sohn verlieren mußte!— Haben Sie mit dem Erbprinz von Mecklenburg⸗Schwerin Bekanntſchaft gemacht? Es iſt der Gemahl meiner geliebten Erbprinzeß. Sie iſt mir auch ein verſchwundenes Glück, deswegen nenne ich ſie in der Beziehung, ſie war mir hier ein iheurer Umgang.— Ich möchte bald von Ihnen hören. Ich war auch in Sorgen um Sie. Da ich Ihre Geſinnungen kenne, ſo wußte ich daß Sie als ein Deutſcher alle Opfer der guten Sache zu bringen wiſſen, und ich freue mich herzlich daß wir wieder zu Einer Nation gehören. Die Hoffnungen die uns das Schickſal gibt, ſind recht tröſtlich. Da ich meine Gefühle ausſprechen kann, iſt es mir als könnte ich auch wieder Hoffnung und Freude


