Aufsatz 
Prinz Eugen von Savoyen / von Johann Heinrich Hennes
Entstehung
Einzelbild herunterladen

16

bei dem Ort delle Beccarie, diesſeits des Po. Am 7. Juli war eine Brücke fertig, die Eugen nun auch über dieſen Fluß ſchlagen ließ; am ſelben Tage wo auch die ſchwere Artillerie, die unter den größten Schwierigkeiten über das Gebirge gebracht worden war, in Caſtelbaldo eintraf. Sein Plan gelang vollkommen, den Feind noch weiter zu Zerſplitterung ſeiner Kräfte zu veranlaſſen. Catinat begab ſich am 8. Juli von Carpi, wo er den General St. Fremont mit einem ſehr geſchwächten Corps zurückließ, nach Oſtiglia, um die dort verſammelten Truppen über den Po zu führen und Eugen, wie er glaubte, zuvorzukommen. Aber dieſer eilte in der darauf folgenden Nacht, den Kanal Bianco entlang, über den Tartaro, griff mit Tagesanbruch Caſtagnaro an und er⸗ ſtürmte die hier angelegte Verſchanzung. Darauf ward eine zweite, an dem Winkel der Etſch und des Kanals angelegte Verſchanzung angegriffen und vom Feind geräumt. Eugen erwartete die Ankunft der nachziehenden Kolonnen und rückte dann gegen Carpi vor. Auf dieſem Marſch hatte man mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Durch die Waſſergräben, Reisfelder, Sümpfe und Gebüſche gab es ſo viele Terrainhinderniſſe, daß die Soldaten nur ſehr ſchwer vorwärts dringen konnten und kaum irgendwo freie Ausſicht auf 50 Schritte fanden. Dadurch ging die Frontlinie verloren; das Küraſſierregiment Neuburg ſtürmte zu weit vor, ward von feindlicher Uebermacht angegriffen und zu weichen genöthigt. Als ihm aber einige Bataillone Infanterie und ein Theil des Küraſſierregiments Vaudemont zu Hülfe eilte, drang es von neuem vor, ungeſtüm, unaufhaltſam; auch die übrigen Truppen kämpften mit glänzender Tapferkeit. Der Feind ward geworfen, Carpi erobert. Drei Stunden weiter, zu San Pietro di Legnago, einem Dorf bei Legnago, ſtand GL. Teſſé mit einem ſtärkern Corps. Zu Hülfe gerufen, war er ſeinen Truppen vorausgeeilt, hatte mit St. Fremont an der Spitze der Kavallerie gefochten. Eine halbe Stunde hinter Carpi, bei Villa Bartholomea, wurden die Fliehenden von ſeinem Corps aufgenommen, das aus mehrern Reiterregimentern und 6 Bataillonen beſtand, und bereits ſeine Schlachtordnung gebildet hatte. Aber er wagte es nicht, den Kampf fortzuſetzen, zog ſich zurück. Die Nacht brach an. Die Kaiſerlichen ſtellten ſich hinter Carpi auf. Die außerordentliche Ermüdung der Truppen, die in der Nacht durch den anſtrengenden Marſch bei ſtarkem Regen und den Tag über durch die Hitze ſehr gelitten, hielt Eugen ab, ſie weiter vorrücken zu laſſen. Ein Theil des feindlichen Gepäͤckes, 100 Gefangene und 200 Pferde fielen den Kaiſerlichen in die Hände. Sie ſelbſt zählten an 40 Todte, darunter der Oberſtlieutenant des Regiments Neuburg, Graf Thürheim, der, ehe er ſank, 8 Feinde niederhieb, und 50 Verwundete, unter denen Eugen ſelbſt, der einen Streifſchuß am Knie erhielt und deſſen Pferd von 2 Kugeln getroffen ward. Von den Franzoſen blieben 50 Offiziere, darunter die Oberſten Albert und Bremont, und 400 Soldaten. So mäßig der Sieg bei Carpi in Beziehung auf den feindlichen Verluſt erſcheint, ſo bedeutend war er in ſeinen Folgen, ſo vollkommen hatte Eugen ſeinen Zweck erreicht: er ſtand ſiegreich auf dem rechten Ufer der Etſch. Am andern Morgen(10. Juli) rückte das Heer, in 2 Kolonnen wie am vorigen Tage, gegen San Pietro di Legnago. Aber während des Marſches kam die Meldung, daß der Feind in der Nacht aufgebrochen ſei, gegen den Mincio ſich zurückgezogen habe. Auch die höher hinauf an der Etſch aufgeſtellten Franzöſiſchen Truppen räumten, aus Furcht abgeſchnitten zu werden, ihre Poſten. Catinat, durch die Nachricht von Eugen's Vordringen auf's höchſte überraſcht, ordnete den allgemeinen Rückzug an. Bei Goito, jenſeits des Mincio, nahm er eine feſte Stellung, auf beiden Seiten, gegen Mantua und Peſchiera, ſeine Truppenlinie ausdehnend. Ueberall hatten die Franzoſen zwiſchen Etſch und Mincio das Land verwüſtet; und Eugen hatte große Schwierigkeiten, die Verpflegung ſeiner Truppen zu ſichern. Am 28. Juli ſetzte er bei Salionze über den Mincio, ungehindert vom Feind, obwohl ein Franzöſiſches Corps unter Bachevilliers nur 2 Stunden entfernt ſtand, bei hellem Tage, zwiſchen 9 und 12 Uhr, die Brücke geſchlagen wurde und die Kaiſerlichen von Mittag an auf dieſer einzigen Brücke unter ſeinen Augen den Fluß überſchritten. Eugen erwartete den ganzen Tag, daß das feindliche Heer heranziehen, ihn an⸗ greifen werde. Aber nicht das Mindeſte geſchah, um den Uebergang zu verhindern oder auch nur zu erſchweren. Am Abend deſertirte ein feindlicher Dragoner und ſagte aus, er ſelbſt ſei beim Beginn des Brückenbau's in's Hauptquartier geſchickt worden, aber hier habe keiner der Generäle der Nachricht Glauben geſchenkt, daß die Kaiſer⸗ lichen an einer Brücke arbeiteten, und noch weniger der zweiten Meldung, daß auch ſogleich der Marſch der Truppen über den Fluß begonnen habe. Eugen ließ die nahe bei der Brücke gelegenen Höhen mit Infanterie und einigen Kanonen beſetzen und das Heer gegen Abend das Lager in Schlachtordnung beziehen. Im Hauptquartier zu Goito war am 25. Juli der Herzog von Savoyen angekommen, und hatte, zum Generaliſſimus der Franzöſiſchen Armee ernannt, dem Namen nach gemeinſchaftlich mit Catinat den Oberbefehl. Der Feind räumte alle längs dem Mincio