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beſetzten Punkte, zog ſich hinter den Oglio zurück. Unterdeß hatte Ludwig XIV., unzufrieden über den Rückzug ſeines Heeres, von dem er nur Siegsnachrichten erwartet hatte, Catinat den Oberbefehl genommen, und ihm, dem beſten der damaligen Franzöſiſchen Heerführer, den Herzog von Villeroi, den tapfern aber unfähigen und hoch⸗ müthigen Höfling, zum Nachfolger gegeben. Dieſer traf am 22. Aug. bei der Armee ein. Schon vorher waren die aus Frankreich geſandten anſehnlichen Verſtärkungen angekommen. Villeroi hielt Heerſchau; die vereinigten Streit⸗ kräfte beliefen ſich auf 69 Bataillone und 88 Schwadronen, ungerechnet die Beſatzung von Mantua, Mirandola, Cremona, Pizzighetone, Lodi, Caſſano ac. Die kaiſ. Armee dagegen, wie ſich aus einem Bericht Eugens an den Kaiſer ergibt, zählte nur 33 Bataillone; hatte auch für's erſte keine andre Verſtärkung zu erwarten als die aus Tyrol heranziehenden Regimenter Geſchwind und Lothringen, zuſammen aus 6 Bataillonen beſtehend. Im Kriegs⸗ rath legte Villeroi die Befehle des Königs vor; es ward beſchloſſen, über den Oglio zurückzugehen, gegen Eugen zu marſchiren und ihn anzugreifen. Am 28. Aug. Abends war Alles zum Uebergang bereit. Um Mitternacht zog die Kavallerie durch verſchiedene Furten, die Infanterie auf zwei ſo eben geſchlagenen Brücken. Um 2 Uhr Morgens war die ganze Armee diesſeits des Fluſſes. Eugen hatte beſchloſſen, den Uebergang nicht zu hindern, da der Oglio in dieſer Jahrszeit überall leicht zu paſſiren iſt. Er zog es vor, den Feind in guter Stellung zu er⸗ warten. Am 31. Aug. ließ er das Städtchen Chiari beſetzen, in deſſen Nähe er ſein Lager hatte. Es war da eine Garniſon von Venetianiſcher Miliz und bewaffneten Bauern, die die Neutralität der Republik Venedig vor⸗ ſchützten und ſich weigerten, ihn einzulaſſen. Er erklärte ihnen, Chiari ſei immer ein offener Ort geweſen; er werde alſo im Nothfall den Eingang mit Gewalt erzwingen. Darauf öffneten ſie die Thore und erbaten ſich von ihm nur das ſchriftliche Zeugniß, daß ſie ihm das Einrücken verweigert hätten. Der linke Flügel des Feindes war etwa 3 Miglien vom Oglio aufgeſtellt; die übrigen Truppen wandten ſich fortwährend nach rechts, ſo daß es ſchien, als beabſichtige er, die kaiſ. Armee zu umringen und die beiden aus Tyrol kommenden Regimenter abzuſchneiden. Letztern ward ein Offizier entgegengeſchickt, um ihnen Vorſicht auf ihrem Marſch zu empfehlen. In der Stellung der Kaiſerlichen war ſchon die Veränderung getroffen, daß die Front, bisher dem Fluß zugewendet, jetzt gegen Oſten gerichtet wurde. Der linke Flügel lehnte ſich in der Flanke und im Rücken an Chiari, ein mit Mauern eingefaßtes Oval, das von einem Waſſergraben und dann noch von Kanälen und Bächen umgeben war; die vor demſelben liegenden Caſinen und Mühlen waren befeſtigt und beſetzt. An der Flanke des rechten Flügels waren die beiden gegen den Oglio fließenden Bäche Trenzano und Bajona. Am 1. Sept. rückten die Franzoſen gegen das verſchanzte Lager der Kaiſerlichen. Catinat ſah ihre wohlgeſchützte Stellung, die Unmöglichkeit, ſie herauszu⸗ treiben; rieth dringend vom Angriff ab. Aber Villeroi pochte darauf, daß er viel mehr Leute habe als der Feind, alles Elite⸗Truppen, von der beſten Stimmung, trefflich geführt.„Man muß ſie nicht entmuthigen durch hin und her Marſchiren, das ſie argwöhnen läßt, man fürchte den Feind!“ Zum Herzog von Savoyen ſprengte er ſelbſt; „jetzt müſſe vorgerückt werden,“ An Catinat ſandte er einen Adjutanten und befahl den Angriff. Dreimal ließ dieſer ſich den Befehl wiederholen. Dann, zu ſeinen Offizieren ſich wendend, ſagte er:„Wohlan, meine Herren, wir müſſen gehorchen!“ Nachmittags halb drei begann der Kampf. Die Brigaden Normandie, Auvergne und Anjou griffen die Caſinen und Mühlen vor Chiari an. Die Beſatzung derſelben hielt ihr lebhaftes Feuer lange aus, zog ſich nach tapferm Widerſtand vor der Uebermacht zurück. Aber durch 2 Bataillone von Guttenſtein⸗ und Mansfeld⸗Infanterie und 4 Grenadier⸗Compagnien von Daun, Nigrelli, Mansfeld und Herberſtein wurden ſie wieder genommen und der Feind geworfen, der, in vollſtändigſter Verwirrung weichend, 5 Fahnen zurücklaſſen mußte. Faſt zur ſelben Zeit wie die Caſinen wurden auch die denſelben zunächſt in der Schlachtlinie ſtehenden Bataillone von Nigrelli(2. Bat.), Kriechbaum(2. Bat.) und Herberſtein(1. Bat.) angegriffen. Dieſe ließen die Franzoſen ganz nahe herankommen, ehe ſie feuerten; gaben ihnen aber dann eine ſo wohl gezielte Ladung, daß faſt alle, ſo wie ſie anliefen, todt oder verwundet hingeſtreckt wurden.(In einem Franzöſiſchen Schlachtbericht heißt es: „Jene Brigaden hielten das ſo ſchreckliche Feuer mit heldenmüthiger Standhaftigkeit aus und ſahen nichts vor ſich als Hüte und unzugängliche Schanzen;“ d. h. nur die Hüte der hinter den Bruſtwehren ganz gedeckt ſtehenden kaiſ. Infanterie.) Der Feind, aus allen eingenommenen Poſten vertrieben und dem heftigſten Kanonen⸗ und Gewehrfeuer ausgeſetzt, trat den Rückzug an; machte eine gute halbe Stunde vom Kampfplatz Halt. Die Kaiſer⸗ lichen blieben in ihrer Stellung, brachten die Nacht unter den Waffen zu. Von ihnen waren nur die genannten 7 Bataillone und 4 Compagnien in's Gefecht gekommen, die in Allem 36 Todte und 81 Verwundte zählten.
Hennes, Prinz Eugen. 3


