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Gnade und Ungnade zu ergeben. Der Kurfürſt ſelbſt war mit einem Pfeil im Geſicht verwundet worden. Eugen, der am 2. Sept. eine gefährliche Schußwunde oberhalb des Knie's erhalten, ſoll dennoch auch hier im Kampf⸗ getümmel geweſen, ein Janitſchar ihm den Helm geſpalten haben. Theuer erkauft war die Eroberung der Feſtung. Die Deutſchen zählten 2487 Todte, die ſie vor und bei dem Sturm verloren, und 1483 Verwundete. Viele Offiziere namentlich waren gefallen, unter ihnen der älteſte der beiden Söhne des unvergeßlichen Helden, des Ver⸗ theidigers von Wien, Rüdiger Starhemberg's. Unter dem in Belgrad befindlichen Feſtungsgeſchütz waren Kanonen vom größten Caliber, eine 329-⸗, ja eine 420 pfündige. In einer Moſchee fand man Kara Muſtapha's Grab. Nach der Niederlage vor Wien war er auf Befehl des Sultans zu Belgrad erdroſſelt, ſein Kopf als das ſichere Zeugniß ſeines Todes nach Konſtantinopel geſchickt, darauf aber von ſeinen Verwandten nach Belgrad zurückge⸗ bracht und nebſt dem Körper beſtattet worden. Als der Kurfürſt und ſeine Gefährten den Kopf des Veziers, die Schnur, womit er erdroſſelt worden, das mit Arabiſchen, meiſt dem Koran entnommenen Sprüchen verzierte Todtenhemd hier vor ſich ſahen, gedachten ſie des Biſchofs von Raab, des Kardinals Grafen Leopold Kollonits, ruhmreichſten Andenkens, der bei der Belagerung von Wien mit Starhemberg die glänzenden Ehren getheilt, der, einem Engel des Himmels gleich, in der unſäglichen Noth überall zu ſehen war, wo das Elend, wo die Gefahr am größten war, und dem Muſtapha den Kopf abſchlagen zu laſſen geſchworen hatte;— und überſandten ihm die ſeltſamen Trophäen. Der Biſchof ließ ſie dem Zeughaus zu Wien übergeben, wo ſie noch jetzt aufbewahrt werden.
§. 3. Sendung nach Turin. Staffarda. Einfall in die Dauphiné. Marſaglia. Rück⸗ kehr aus Italien.(1689 bis 1696.) Einen neuen Schauplatz betrat Eugen im Jahr 1689. Nicht blos den künftigen Feldherrn hatte Herzog Karl in ihm erkannt; auch in einer ganz andern Laufbahn ſollte er ſich hervor⸗ thun. Eine diplomatiſche Sendung ward ihm übertragen. In der That hatte er Eigenſchaften eines Staatsmanns. Eitelkeit war ihm ganz fremd. Damit hing zuſammen, daß er verſchwiegen war. Zuverläſſiger war niemand, ein Geheimniß zu bewahren; man konnte ihm ganz vertrauen. Ueberhaupt ſprach er wenig; wie von ſeinem Freunde, dem Herzog von Marlborough, eben ſo hörte man von ihm nie pikante, witzige, geiſtreiche Schlagworte; aber verſtändig, durchdacht war immer das was er ſagte. Die frühern Verhältniſſe, die gegenwärtige Lage der Cabinette kannte er genau. Seine umfaſſende Beleſenheit, ſein ſicheres Gedächtniß kamen ihm dabei ſehr zu Statten. Wie er einfach und beſcheiden und neidlos war, ſo trübte ihm auch keinerlei andre gehäſſige Leidenſchaft das klare Auge, das nicht ſelten denen, womit er unterhandelte, bis in's Innerſte ihres Herzens eindrang. Seit dem Sommer 1686 beſtand ein Bündniß zwiſchen dem Kaiſer, Spanien(wegen des Burgundiſchen Kreiſes), Schweden (wegen ſeiner deutſchen Provinzen), dem Kurfürſten von Baiern, den Sächſiſchen Häuſern und andern Reichs⸗ ſtänden; angeblich zur Aufrechthaltung des zwei Jahre vorher zu Regensburg zwiſchen dem Kaiſer und Frankreich geſchloſſenen Waffenſtillſtands. Der wahre Zweck desſelben aber war, Frankreich wieder dahin zurückzuführen, wo es vor den„Reunionen“ und„Dependenzien“ geſtanden. Ludwig XIV. zweifelte auch nicht daran, daß bei der Stiftung des Bundes Prinz Wilhelm von Oranien betheiligt war, der nach dem Brittiſchen Thron ſtrebte und Frankreich auf einer andern Seite zu beſchäftigen wünſchte; und er hielt es für beſſer, zuvorzukommen als den Angriff der Verbündeten abzuwarten. Er veröffentlichte zuerſt gegen den Kaiſer(24. Sept. 1688) ein Manifeſt; erklärte darin als Urſachen des Kriegs, den er ihm ankündigte, das Augsburger Bündniß und ſeinen Entſchluß, die Rechte ſeiner Schwägerin der Herzogin von Orleans auf die Pfalz und die Erwählung des Grafen von Fürſtenberg zum Kurfürſt von Köln aufrecht zu halten. Darauf erließ er ein Kriegsmanifeſt gegen Holland (16. Dec. 1688), gegen Spanien und gegen England, wo unterdeß der Prinz von Oranien auf den Thron gekommen war.(16. April und 25. Juni 1689.) Seinem Geſandten bei der Pforte, Marquis von Chateauneuf, der im Sommer 1689 nach Konſtantinopel abreiſte, gelang es durch bedeutende Summen, die er mitgebracht, und da⸗ durch daß er die jetzige Lage des Kaiſers als eine verzweifelte darſtellte, die Türken zur Fortſetzung des Kriegs zu beſtimmen. Den Verbündeten mußte ſehr daran gelegen ſein, den Herzog von Savoyen Viktor Amadeus II. für die Allianz zu gewinnen. Er war ſchwankend. Zwar hatte ihn Ludwig XIV. auf' übermüthigſte behandelt; jedoch ließ die Lage ſeines, Frankreich benachbarten und einem Angriff desſelben in ſo bedrohlicher Weiſe ausgeſetzten Landes ihn nicht wagen, ſich den Verbündeten anzuſchließen. Die Hauptſache war, den Herzog ganz zu beruhigen, ihm für den Fall der Gefahr die nachdrücklichſte Hülfe zuzuſichern. Eugen, der mit ihm Nachgeſchwiſterkind war, ward mit der Sendung nach Turin beauftragt. Ende Auguſt 1689, wie es ſcheint, langte er dort an. Es gelang


