Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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und Leidenſchaften rückſichtslos unter das Geſetz einer höheren Ordnung, unter das Staatsgeſetz gebeugt wiſſen will.

Auf der anderen Seite tritt in der politiſchen Lehre eine rückwärtsſtrebende, conſervative Richtung auf, die an den idealiſierten Erſcheinungen der Vergangenheit die ſittliche Aufgabe des Staates nach⸗ zuweiſen, oder nach althelleniſchen Grundſätzen das ſociale Leben umzugeſtalten unternimmt. Platon, der wahre Erbe des Sokratiſchen Geiſtes, führt die reſtauratoriſchen Tendenzen zu einem wiſſenſchaft⸗ lichen Abſchluß. Er verwirft die Halbheit des populären und praktiſchen Standpunctes und bringt die Conſequenzen der reinen Wiſſenſchaft und den unbedingten Abſolutismus der Philoſophie zur Geltung. Er erweitert ſeinen Vorgängern gegenüber die Sphäre des Staates, indem er das ganze ſittliche und geſellſchaftliche Leben gleichmäßig unter die Normen der politiſchen Idee ſtellt, und vertieft die Grundlage desſelben durch den dialektiſchen und pſychologiſchen Unterbau, den er der Ethik giebt. Er greift auf gewiſſe Grundformen des althelleniſchen, doriſchen Staates zurück, aber erfüllt und durchdringt dieſelben mit dem Geiſte der philoſophiſchen Bildung, die auf attiſchem Boden erwachſen iſt. Und ſo gelangt er in Wahrheit zu einer neuen Ordnung der Dinge, zu einem Zukunftsſtaate, der allein, wie er glaubt, der Menſchheit Heil und Rettung verheißt, zu einem helleniſchen Normalſtaate, in welchem die Anta⸗ gonismen der griechiſchen Natur ausgeglichen und verſöhnt zu ſein ſcheinen.

Der Platoniſche Staat führt uns aus der Vorhalle in das Adytum der politiſchen Wiſſenſchaft der Griechen.

Kritiſcher Nachtrag.

Unter den Schriften des Cynikers Diogenes findet ſich eine moherela verzeichnet, Diog. Laert. VI, 30, in welcher Weiber⸗ und Kindergemeinſchaft(ebend. VI, 72 u. VII, 131) und Verbannung des Me⸗ tallgeldes verlangt war, Athen. IV, 159 c:»Gbioα elyat vooHeret dorpafdhouc. Denſelben oder doch ähnlichen Forderungen begegnen wir in der Politie des Stoikers Zenon, die, wie man ſcherzend ſagte, noch auf des Hundes Schwanz geſchrieben war(Diog. L. VII, 4): zotyàc elyat rdc Tovatza« dely z. r. J., ebend. 33 u. 131, und v6εοναᷣα oννι᷑ λαασν Evexey dety xaracxeudéetvy obr drοεlas, 33. Und ſo bezeugt denn Plutarch im Lykurg K. 31 die weſentliche Gleichartigkeit der Principien und Ten⸗ denzen beider Schriften, die er neben der Politie des Platon mit dem Staate Lykurgs auf ein e Linie ſtellt. Von jener Uebereinſtimmung geht Zeller Phil. d. Gr. II, 1, S. 232 Anm. 3 aus, um für den In⸗ halt des cyniſchen Staatsideals weitere Schlüſſe zu ziehen. Plutarch nemlich ſagt d. Alex. fort. I, K. 6, die Verfaſſung des Zenon ſei auf das eine Hauptziel gerichtet, daß wir nicht in verſchiedenen, durch beſondere Rechtsnormen getrennten Genoſſenſchaften leben, ſondern alle Menſchen als Mitbürger anſehen ſollen(vgl. Diog. L. VI, 63. 72. 93), daß eine Lebensweiſe und Ordnung herrſche, wie bei einer Herde, die unter gemeinſamem Geſetz auf einer Trift zuſammenweide. Derſelbe Gedanke, folgert Zeller, müſſe ſich ſchon bei den Cynikern gefunden haben, und er ſieht dieſe Annahme durch den Pla⸗ toniſchen Politicus beſtätigt. Hier nemlich werde, 267c fgg., die Gleichſetzung der Staatskunſt mit der auf Menſchenherden bezüglichen Hirtenkunſt ausführlich wiederlegt, ohne Zweifel in Beziehung auf eine gleichzeitige Theorie, und zwar am natürlichſten auf eine Lehre der Cyniker. Dagegen iſt zu bemerken, daß die Polemik Platons nicht ſowohl gegen die Vorſtellung von einem herdenartigen Zu⸗ ſammenleben der geſammten Menſchheit, als vielmehr gegen die Identificierung des Königs mit dem Hirten(die Geſtalt des göttlichen Hüters iſt für einen König zu groß), alſo gegen die populäre, dem heroiſchen Zeitalter geläufige Vorſtellung vomoihy Nacy gerichtet iſt, die von enophon in der Cyropädie VIII, 2, 14, vgl. I, 1, 2 und Mem. I, 2, 32, III, 2, 1, wie wir geſehen, wieder aufge⸗ nommen war. Wenn die Erörterung Platons daher wirklich auf eine zeitgenöſſiſche Anſicht zielen ſollte, ſo würde ich ſie um ſo lieber auf den genannten Schriftſteller beziehen, als der Politicus zu⸗ gleich gegen eine Parallele proteſtiert, die ſich ebenfalls in der Cyropädie findet, V, 1, 24, gegen die Vergleichung des Herrſchers mit dem Weiſel, 301d. Auch die Schilderung des Naturſtaates als