Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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rechteſten, als die dem Volke günſtigſten und dem Staate heilſamſten charakteriſierti?). Sie ſind es, weil ſie vor allem das ethiſche und ſociale Leben der Bürger umfaßten¹s) und für die Erzeugung und Fortpflanzung eines ſittlichen Geiſtes im Volke Sorge trugen. Als Werkzeug diente dieſem Zwecke der hohe Rath des Areopags¹⁹), jenerAufſichtsbehörde von cenſoriſcher und unbeſtimmter Machtfülle, die ſich aus Männern von edler Abkunft und bewährter Tugend und Sittlichkeit zuſammenſetzte. Iſo⸗ krates entwirft ein Bild ihrer Wirkſamkeit.Allen Bürgern, ſagt er,war ihre Sorge gewidmet, insbeſondere aber den Jüngeren; denn ſie ſahen, daß dieſe am leidenſchaftlichſten und von den meiſten Begierden erfüllt ſind, und daß ihre Seelen vorzugsweiſe einer Zucht bedürfen durch edle Beſchäfti⸗ gungen und durch Anſtrengungen, die mit Luſt verbunden ſind; denn nur bei dieſen verharre der Freie, dem eine würdige Geſinnung eingepflanzt worden ſei, auch nach vollendeter Erziehung. Alle nun aber zu denſelben Beſchäftigungen zu führen war unmöglich, weil ſie in ihren Vermögensverhältniſſen ungleich waren; es wurde daher einem jeden diejenige übertragen, die zu ſeiner äußeren Lage paßte. Diejeni⸗ gen alſo, die ſich in dürftigen Umſtänden befanden, beſtimmten ſie zum Ackerbau und Handel, in der Ueberzeugung, daß Mangel durch Unthätigkeit und Schlechtigkeit durch Mangel entſtehe; und indem ſie die Wurzel des Uebels ausrotteten, glaubten ſie die Jugend auch vor den Vergehungen, die daraus entſpringen, zu bewahren. Diejenigen hingegen, welche hinlängliche Mittel beſaßen, zwangen ſie der Reit⸗ kunſt, den gymnaſtiſchen Uebungen, der Jagd und den Wiſſenſchaften²0) obzuliegen, weil ſie erkannten, daß die einen in Folge dieſer Beſchäftigungen ausgezeichnet würden, die andern ſich des meiſten Böſen enthielten. Aber felbſt dann, wenn der Jüngling zum Mann herangereift und in das politiſche Leben eingetreten war, ließ jene Behörde nicht ab ihn zu überwachen, durch ihre Wachſamkeit Uebertretungen der guten Sitte und Zucht und der geſetzlichen Ordnung vorzubeugen und, wenn eine ſolche begangen war, dieſelbe unnachſichtig zu ahnden, wie ſie den Aeltern andrerſeits Auszeichnungen von Seiten des Staates und Verehrung von Seiten der Jugend ſicherte.

Der alte Staat alſo ſchien in der Einrichtung des Areopags das wirkſamſte Organ für die Er⸗ haltung eines geſunden ſittlichen, geiſtigen und ſocialen Lebens der Bürgerſchaft zu beſitzen?¹). Er enthielt aber nach der Auffaſſung unſeres Redners neben dem ethiſchen zugleich ein zweites Element,

17) Areop.§. 16 18. 59, Panath. 130. 151, Antid. 232. Im Panath. 148 giebt er in ſeiner rhe⸗ toriſchen, alle geſchichtlichen Grenzen verwiſchenden Manier der guten alten Verfaſſung eine Dauer von 1000 Jahren und dehnt ſie von der Zeit der Abſchaffung des Königthums bis auf Piſiſtratus aus.

18) Ar.§ 20, Panath. 131, Paneg. 75, n. Lebr. 27. 1

19) Ar.§ 36 55.

20) Wenn der ſpartaniſch definuite Xenophon aus ſeinem Idealſtaate jede litterariſche Bildung ausſchließt, vgl. Grote Geſch. Gr. 1, 783 5, ſo kann Iſokrates, der von dem Werthe der Geiſtescultur und von der Bedeutung Athens für dieſelbe ſo tief durchdrungen iſt, Antid.§. 2934, der Wiſſenſchaft ihren Platz im Erziehungsweſen nicht verſagen. Von einer poetiſchen Bildung, die er dem Demonicus,§. 51, und Nikokles, an Nik. 13, an das Herz legt, ſchweigt er an unſerer Stelle. Im Grunde ſteht ihm das, was er mit dem Namen Philoſophie bezeichnet, hoch über aller Dichtung; vgl. Panath 34. Epos und Tragödie, ſagt er im Euagoras 9 II, wirken nur unterhaltend durch den ſa tegeften Stoff und durch die metriſche Form; wolle man von den berühmten Dichtungen das Versmaß auflißen und nur die Worte und Gedanken ſtehen laſſen, ſo würden ſie hinter der Meinung, die man von ihnen habe, weit zurückſtehen: eine Anſicht, welche bekanntlich auch Platon äußert im Staate X, 601 a. Außerdem findet er(ebenfalls in Uebereinſtimmung mit Platon St. II, 377 d fgg. u. a.), daß die Dichter ſich häufig genug erlauben unwürdige Vorſtellungen von den Göttern zu verbreiten, Buſir. 38 9. Der Komödie gedenkt er nur gelegentlich einmal mit bitterer Verach⸗ tung, Symm. 14 Einen Werth geſteht er eigentlich nur der didaktiſchen Poeſie eines Heſiodus, Phocylides, Theognis zu, an Nik. 3 42 9. Beſonders den letzteren ſcheinen die Sokratiker geſchätzt zu haben, wie denn auch dem Xenophon, Stob. Flor. LXXXVIII, 14, Pfeudoplutarch m. edrey. K. 15, und dem Antiſthenes, Diog. Laert. VI, 16, Schriften über ihn deigeleat werden.

21) Ueber die geſellſchaftli ſen Zuſtände des damaligen Atben vgl. Ar.§. 31 35. Ariſtoteles hält es in der Pol. II, 2, 5 für einleuchtend, daß es beſſer fei die Beſitzungen geſondert zu laſſen, aber durch den Nießbrauch gemeinſam zu machen; dazu jedoch die Bürger zu bilden ſei eigens Sache des Geſetzgebers. Den Begründern der atheniſchen Demokratie iſt es nach des Iſokrates idealer Auffaſſung gelungen einen ſolchen Zuſtand, den Ariſtoteles in Lacedämon annähernd verwirklicht ſah(vgl. Xen. St. d. L. VI, 4) in Athen her⸗ beizuführen und zu bewirken, daßder Beſitz eines jeden, dem er rechtmäßig gehörte, geſichert, der Gebrauch aber allen Bürgern, die desſelben bedurften, gemeinſchaftlich war. In bee Wirklichkeit geſtaltete ſich dies Verhältniß nreilich etwas anders, ſ. Curtius griech. Geſch. II, S. 179.