Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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wickeln ſich den Sitten entſprechend, in welchen ſie auferzogen werden. Ferner iſt die Menge und Ge⸗ nauigkeit der Geſetze ein Zeichen, daß es ſchlecht um den betreffenden Staat beſtellt iſt!?²). Indem man nemlich Dämme gegen die Vergehungen zu ziehen ſucht, wird man genöthigt viele Geſetze auf⸗ zuſtellen; die rechten Staatsbürger dagegen müſſen nicht die Hallen mit geſchriebenen Geſetzen anfüllen, ſondern das Recht im Herzen tragen; denn nicht auf den Beſchlüſſen, ſondern auf den Sitten beruht der gute Zuſtand eines Gemeinweſens, und wer ſchlecht erzogen iſt, wird ſelbſt die genau abgefaßten Geſetze zu übertreten wagen; wer aber in guter Zucht aufwächſt, wird gern auch die einfachen Satzungen beobachten. So iſt es alſo die Aufgabe der Staatsweisheit, nicht ſowohl darauf zu ſehen, wie man die Uebertreter der geſetzlichen Ordnung züchtige, als vielmehr auf Mittel zu denken, daß ſich niemand eines ſtrafwürdigen Vergehens ſchuldig mache. 555 Dieſe Grundſätze ſieht Iſokrates im alten Athen verwirklicht¹³), und wie der lakoniſierende Xenophon in Sparta den Muſterſtaat gefunden, ſo erſcheinen unſerem Redner, als begeiſtertem Patrioten, dort die normalen Formen des Staatsweſens ausgeprägt¹4). Nur darf man nicht überſehen, daß die Ge⸗ ſchichte für ihn keine ſelbſtändige Bedeutung hat, daß ſie den Tendenzen, welche er verfolgt, ſich anbe⸗ quemen muß und ihm gleichſam nur zur Legierung ſeines Ideales dient, um dasſelbe für den Gebrauch⸗ des Lebens tauglicher zu machen. Iſokrates iſt da, wo er das Feld der Geſchichte betritt, nur Pſeu⸗ dohiſtoriker¹⁵), wie er auf dem Gebiete wiſſenſchaftlicher Erörterung ſich als Pſeudophiloſophen erweist. Auf die Vergangenheit Athens alſo iſt ſein Blick gerichtet, und wenn Thucydides im Perikleiſchen Zeitalter, Ariſtophanes in dem der Perſerkriege den Höhepunct der atheniſchen Entwicklung gefunden hat, ſo geht er einen Schritt weiter zurück und giebt mit Kratinus den Gründern der Demokratie den Preis ¹⁶). Die Solon⸗Kliſtheniſchen Einrichtungen ſind es, welche er als die gemeinnützigſten und ge⸗

M12) Als ein Krankheitsſymptom im Leben des Staates ſieht ſie auch Platon an im Staate lV, 4250 fgg. und Arceſilaus, der Stifter der neuakademiſchen Lehre, Stob. Floril. XLIII, 91. Vgl. Tacit. Annal. IIl, 27: corruptissima republica plurimae leges. 4

13) Paneg.§. 78:Die Vorfahren des Heldengeſchlechts der Perſerkriege ſahen bei den Geſetzen darauf, daß ſie genau und gut ſeien, und zwar nicht ſowohl die, welche die privatrechtlichen Verhältniſſe, als vielmehr diejenigen, welche die Gewohnheiten des täglichen Lebens betrafen: denn ſie wußten, daß es für ehrenhafte und tüchtige Männer durchaus nicht vieler geſchriebenen Geſetze bedarf(vgl. Plat. Staat IV, 425d), ſondern daß wenige Grundſätze, über die man ſich verſtändigt, genügen um Eintracht in den privaten und öffentlichen Verhältniſſen zu bewirken. Panath. 144: Bei der Begründung der alten Demokratieſah man in wenigen Tagen die Geſetze niedergeſchrieben, die nicht den jetzt beſtehenden ähnlich, oder wie dieſe ſo voller Verwirrung und Widerſprüche waren, daß es unmöglich geweſen wäre die brauchbaren und unbrauchbaren unter ihnen zu erkennen, ſondern erſtens wenige an Zahl, aber hinlänglich für die, welche ſie gebrauchen ſollten, und leicht zu überſehen; ſodann gerecht, heilſam und übereinſtimmend, und zwar diejenigen ſorgfältiger ausgearbeitet, werche die Lebensweiſe des ganzen Volkes, als die, welche die Rechtsverhältniſſe der einzelnen zum Gegenſtande

aben.

14) Im Areopagiticus, der kurze Zeit nach dem Bundesgenoſſenkriege(35%) geſchrieben, ſ. Rauchenſtein in der Einl. zur gen. Rede, und zum Theil auch im Panathenaicus, der 342 begonnen und 339 vollendet wurde,§. 26670. Iſokrates berlangt eine Reſtauration der alten Verfaſſung,weil nothwendig aus den nemlichen Staatsgrundſätzen die nemlichen Wirkungen hervorgehen müſſen, Areop. 78.

15) Im Buſir.§. 30 3 ſpricht es Iſokrates mit dürren Worten aus, daß man die ſpäteren Einrich⸗ tungen Aegpptens auf den Buſiris als Urheber beziehen müſſe.Ich ſchreibe ihm nichts Unmögliches zu, bemerkt er,und ſage ich auch Falſches, ſo habe ich mich wenigſtens einer ſolchen Darſtellung bedient, wie Lobredner es müſſen. Daber hält er es für löblich und klug, wenn er die Sage vom Adraſtus je nach den Verhältniſſen Athens zu Theben verſchieden darſtellt, Panath. 172, Paneg. 58, und läßt einen ſeiner ehe⸗ maligen Schüler im Panath. 246 ſagen, es ſei des Meiſters Plan geweſen eine Rede zu verfaſſen voll von edoNoia, nicht einer ſolchen, welche den Mitbürgern in böslicher Weiſe zu ſchaden pflege, ſondern jener, die in belehrender Weiſe den Zuhörern zu nützen und ſie zu ergötzen im Stande ſei. Vgl. über die Geſchichts⸗ behandlung des Iſokrates und der Redner überhaupt wehr Klio S. 185 und die 1. Beilage. Es ſei zum Schluſſe auf zwei bezeichnende Stellen aufmerkſam gemacht, in welchen unſer Rhetor die Manier breiter, uncharaeteriſtiſcher Detailſchiderung mißbilligend berührt, Paneg. 97 u. Euag. 31. n.

16) Vgl. Roſcher im a. B. 8. 317. In die vorhiſtoriſche Zeit endlich rückt Platon ſein Ideal und legt die Darſtellung desſelben einem Manne in den Mund, der Weisbeitsliebe und Staatskunde in ſich ver⸗ einigt, Tim. 20a, und nicht bloß, wie Iſokrates, zwiſchen Politik und Philoſophie in der Mitte ſteht.