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Und dennoch iſt in ſeinen Reden ein Charakterzug ausgeprägt, der ihn, wie Wieland meinte, als einen Genoſſen der Sokratiſchen Familie erkennen läßt. Iſokrates hat der Beredſamkeit keine tiefere pſycho⸗ logiſche und logiſche Grundlage, wohl aber eine ſittliche Tendenz und Bedeutung zu geben verſucht. Alle ſeine Reden verfolgen einen ethiſchen Zwecks), und wenn auch ſeine Ethik wiederum keine wiſſen⸗ ſchaftliche, ſondern nur eine populäre iſt*), ſo weht durch ſeine Schriften doch ein Hauch vom Geiſte Sokratiſcher Kalokagathie.
Der Gegenſtand ſeiner Reden aber iſt, wie er mit Nachdruck erklärt, ein großer und würdiger: es beſchäftigen ihn nicht die elenden und niedrigen Objecte ſophiſtiſcher Mikrologies), ſondern die Fra⸗ gen der hohen Politik; nicht die Streiligkeiten auf dem Gebiete des Privatrechts, ſondern die großen ſtaatsrechtlichen Probleme und die Principien der öffentlichen Wohlfahrto2). Und hier finden wir ihn ſogleich auf den bekannten Bahnen des Xenophon, wenn er die Aufgabe des Staates erörtert und gegen die ſchriftlich fixierten Rechtsnormen für die lebendige Sitte, gegen das repreſſive Geſetz für die Erzeugung eines ſittlichen Lebens durch die Erziehung eintritt und im politiſchen Organismus eine poſitive moraliſche Inſtitution, nicht bloß eine Veranſtaltung erblickt, um das Unrecht zu negieren.
„Es iſt ein Irrthum“, ſo lauten ſeine Wortel¹0),„es iſt ein Irrthum zu meinen, da bildeten ſich die beſten Männer, wo die Geſetze mit der größten Genauigkeit feſtgeſtellt ſind; denn bei ſolcher Annahme würde nichts im Wege ſtehen, daß alle Völker gleich gut wären, weil es doch leicht iſt die geſchriebenen Geſetze von einander zu erhalten ¹¹). Aber die Tugend wird offenbar nicht auf dieſem Wege gefördert, ſondern durch die Grundſätze, die das tägliche Leben regeln; denn die meiſten ent⸗
6) Antid.§. 67: nävrec ol 167ot dc Aperh al SXtocby GvrefvOty.
7) Die philoſophiſche Tugend beruht nach Platon auf dem Wiſſen, während durch die richtige Vorſtellung nur eine unvollkommene Form der Tugend gegeben ſei, weil ihr die Einſicht in das wahre Weſen derſelben und in die innere Zuſammengehörigkeit ihrer Theile feble(Zeller i. a. B. 1, 1, 372 fgg.). Als ein Wortführer der ager) dnuorreh behauptet daher Iſokrates, daß eine ethiſche Wiſſenſchaft unmöglich ſei, Antid. 75 271, Soph. 3, und erklärt es für eine Paradoxie die Identität von Tapferkeit, Gerechtigkeit und Weisheit zu ſtatuieren, Hel. 1. Für unvollkommen aber bält Platon die gewöhnliche Tugend auch hinſichtlich ihres In⸗ halts und ihrer Motive, weil ſie neben dem Guten zugleich das Böſe als Zweck ſetze und den Feinden Böſes zu thun kein Bedenken trage, Staat 1, 3345 fgg.; weil ſie das Gute ferner aus fremdartigen Gründen begehre um des Lohnes Willen, den es von Göttern und Menſchen im Diesſeits und Jenſeits eintrage, ebend. II, 362e fgg. Einer ſolchen Auffaſſung begegnen wir bei Iſokrates, indem er erklärt, wenn man die Alter⸗ native habe, ob man Unrecht thun oder erleiden wolle, ſei es beſſer und vernünſtiger ſich für das erſtere zu entſcheiden, Panath. 117. Und anderswo ſaat er:„Die, welche Gerechtigkeit üben, harren ſtandhaft dabei aus in der Erwartung, ſie werden bei den Göttern wie bei den Menſchen größeren Vortheil davon tragen als die anderen“, Symm. 33, Nik. 2, ebenſo Xenoph. Cyr. I, 5, 9; vgl. Nägelsvach nachhom. Theol. V,§. 63. Wenn es aber wackeren Männern bisweilen unglücklicher gebe als denen, welche auf Unrecht denken, ſo möchte er das als einen Mangel an Fürſorge von Seiten der Gotter bezeichnen, Panath. 186; vgl. Symm. 35. Er hält es daher für ein verdienſtliches Werk der geiſtlichen Behörden, wenn ſie die fürſor eende und ſtrafende Thätigkeit der Götter größer erſcheinen laſſen, als ſie in Wirklichkeit iſt;„denn die, welche uns vor Alters Furcht davor eingeflößt, haben es bewirkt, daß wer nicht ganz nach Art der Thiere mit einander leben“, Buſir. 24— 5. Wie nahe rückt Iſokrates mit dieſen Vorſtellungen der Lehre, welche Kritias im Siſypbus vorgetragen! Vgl. Havet i. g. B. S. LXVI: il etait tout à''’heure le flils de Socrate et le frere afne de Platon: U. mestohide bibe 1 Aene 5 Gorgan. 3 Rh—
ob der Hummeln, des Salzes und ähnlicher Gegenſtände, Hel.§. 12; vgl. Ariſt. Rhet. II, 24.
9) Antid.§. 3. 46. 48. 276 u. ſ. w. cher Geß Hel. 8 3
10) Areop. 5 39— 42.
11)„Denienigen, welche Geſetze geben wollen“, heißt es in der Antid.§. 83,„iſt die unzählige Menge der vorhandenen zur Erreichung ihres Zweckes förderlich; denn ſie brauchen ſich durchaus nach keinen andern umzuthun, ſondern nur diejenigen zu einem Ganzen zu vereinigen, die bei den übrigen Beifall gefunden haben: was leicht jeder beliebige kann.“ Dieſe bberflichlche Auffaſſung, die„von einem völligen Mangel an Einſicht in die Erforderniſſe der Staatskunſt zeu t. reizt den Ariſtoteles zum Widerſpruch.„Die Sophiſten, welche ſich zum Unterricht in der Politik erbieten“, ſagt er mit unzweideutiger Beziehung auf Iſokrates, Nik. Etb. X, 10,„ſind offenbar ſehr weit davon entfernt ſie lehren zu können; denn ſie kennen überhaupt nicht einmal ibren Begriff und ihr Gebiet; ſonſt könnten ſie nicht der Meinung ſein, daß es leicht ſei Geſetze zu geben, wenn man nur die Geſetze zu einem Ganzen vereinige, die ſich allgemeinen Beifalls erfreuen; denn man brauche nur die beſten auszuwählen. Gerade als ob die Wahl nicht Einſicht vorausſetzte, und die richtige Beurtheilung nicht das Weſentlichſte wäre.“
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