Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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Verfaſſung und des königlichen Regimentes hingewendet hatte, ſo wies er die internationale Po⸗ litik der Griechen, welche das Recht des Stärkeren gegen einander geltend zu machen ſich gewöhnt, auf die alten Bahnen und Ziele der conſervativen Tradition*). Prinzipieller begründet aber wurde der Panhellenismus, und das politiſche Dogma vom alleinſeligmachenden Griechenthum ausgebildet durch den Redner Iſokrates.

II.

Platon nennt den Iſokrates am Schluß des Phädrus einen Liebling des Sokrates und ſpricht ihm eine gewiſſe philoſophiſche Begabung zui); er ſieht ſich im Euthydemus veranlaßt das frühere Urtheil zu berichtigen und dem Rhetor ſeinen Platz auf den Grenzen des philoſophiſchen und politi⸗ ſchen Gebietes anzuweiſen2²). Mit Recht; denn es hatte ſich bald genug herausgeſtellt, daß Iſokrates durchaus kein Organ für ſpeculative Philoſophie beſaß¹). Für ihn beruhte die Summe aller Wiſſen⸗ ſchaft in der Kunſt der Redel), einer Kunſt, deren Weſen er nach dem Vorgange der früheren Rhe⸗ toren und Sophiſten darin ſetzte, daß ſie die Fähigkeit verleihe dieſelben Gegenſtände auf mannigfache Weiſe zu behandeln, das Erhabene als geringfügig, das Unbedeutende als groß erſcheinen zu laſſen; die Ereigniſſe der Vorzeit in moderner und die der jüngſten Zeit in alterthümlicher Weiſe darzuſtellens).

59) Vgl. Roſcher i. a. B. S. 108. Zum Schluſſe die Bemerkung, daß Xenophon auch die Oekonomik, dieſe Politik im Kleinen, wie ſie Sokrates(Mem. III, 4, 12) und Platon(Polit. 2595) bezeichnen(vgl. Ariſt. Pol. 1, 1, 2. 2, 3), unter ariſtokratiſch⸗ethiſchen Geſichtspunkten behandelt hat. Daher die anti⸗demo⸗ kratiſche Verachtung des Handwerks, das Leib und Seele untüchtig mache und dem Staatsleben entfremde, Oek. IV, 23, und das Lob der urſprünglicheren und naturgemäßeren landwirthſchaftlichen Beſchäftigung mit ihrer körperlich(V, 7, VI, 10), ſittlich(V, 12, XV, 4- 12) und politiſch(V, 9 10) bildenden Kraft. Daher die ſitilichere Auffaſſung von Erwerb und Beſitz.Aller Reichthum, ſagt Xenophon, iſt nur dem⸗ jenigen etwas nütze, der ihn recht zu gebrauchen weiß(Oek. 1, 8 fgg.): hiermit wird die Oekonomik zu einer lthiſchen Wiſſenſchaft erhoben. Ueberhaupt ſteht er darin hoch über den meiſten Neueren, daß er den Reich⸗ thum, deſſen Licht⸗ und Schattenſeiten ihm gleich klar ſind, nie als Zweck, ſondern immer nur als Mittel anſieht: derjenige ſei wirthſchaftlich der glücklichſte, welcher das Meiſte gerecht erworben habe und ſchön ge⸗ brauche(Cyr. VIII, 2, 23). Roſcher Anſichten der Volkswerthſchaft aus dem geſchichtlichen Standpunkt. S. 10.

1) S. 279a:bGet Eyegrl risola di roo ySpê; diavoia..

2) Für die Beziehung der Stelle 305C fgg. im genannten Dialog auf Iſokrates haben ſich außer Schleier⸗ macher, Heindorf, Dindorf auch Welcker im rhein. Muſ. 1, S. 551, Bernhardy in der wiſſenſch. Synt. S. 20 Anm. 40, Spengel Iſokr. u. Plat. S. 36 fgg. und Havet in der Einleit. zur Ueberſ. der Antid. von Cartelier S. XCVI ausgeſprochen. Daß der Euthydemus übrigens jüngeren Urſprungs als der Phädrus iſt, ergiebt ſich nach Zeller Phil. d. Griech. II, 1 S. 344 daraus, daß der Begriff und der Name der Dialektik, welche im eiend Theil des letzteren Dialoges wie etwas Neues eingeführt werden, im erſteren dem Platon ſchon geläufig ſind.

39 Uebes das Verhältniß des Iſokrates zur Speculation und zu den ſpeculativen Philoſophen ſcheint mir ſeit den Erörterungen Spengels in der angeführten Schrift kein Zweifel mehr zu beſtehen. Vgl. auch Grote Geſchichte Griech. IV, S. 508 Anm. 67. Wenn Platon für die Wiſſenſchaft eintritt, die das wahrbaft Seiende, gegenüber der Vorſtellung, die nur ein Mittleres zwiſchen Sein und Nichtſein zum Inhalt habe, und der letzteren nur eine untergeordnete Bedeutung zuſchreibt, ſo ſtellt ſich Iſokrates ganz auf die Seite der 368x im Gegenſatz zur zmiarhlan, Soph.§. 8, Hel. 5, Antid. 271, Panatb. 9 u. 30, auf den Boden des ge⸗ ſunden Menſchenverſtandes, wie wir ſagen würden, und verwirft in den früheren Reden(Soph. 18, Hel. 1=7) alle abſtracten, metaphyſiſchen Studien als unnütz und verderblich. In den ſpäteren legt er ihnen we⸗ nigſtens einen relativen Werth bei und läßt ſie als eine Gymnaſtik des Geiſtes und eine Vorübung zu dem, was er Philoſophie nennt, ia beſchränkter Weiſe für die Jugend gelten, Antid. 258 270, Panath. 26 32, gerade ſo wie der Sophiſt Kallikles bei Platon im Gorg. 484c 485e die Philoſophie für etwas Anmuthi⸗ des hält, wenn man ſich mäßig mit ihr befaſſe und in der dazu geeigneten Zeit; gebe man ſich aber über

jeſelbe hinaus damit ab, ſo ſei ſie ein Verderb für die Menſchen u. ſ. w.

4) Das Wiſſen, ſagt Platon im Tim. 5le, entſteht durch Belehrung, die Vorſtellung durch Ueberredung. Auf dieſe iſt ſeinem Standpuncte gemäß des Iſokrates Streben gerichtet, und die Kunſt, welche Ueberredung bewirkt, die Beredſamkeit erſcheint ihm als die wahre Philoſophie; vgl. O. Schneider zu Euag.§. 8, 4. Denn da es nicht in der Natur der Menſchen liege eine Wiſſenſchaft zu erlangen, derc deren Beſitz wir wiſſen könnten, was man thun oder reden müſſe, ſo halte er für sool diejenigen, welche durch Muthmaßungen (rads d6ate) größtentheils das Richtige treffen, für οot aber die, welche ſich damit beſchäftigen, wodurch man am ſchnellſten zu einer ſolchen Anſicht gelange; das aber ſei die Rhetorik, Antid. 271 fgg.

5) Paneg. 5 8, in Uebereinſtimmung mit Tiſias und Gorgias, Plat. Phädr. 267a, weshalb denn auch Iſokrates beſchuldigt wird, er ſei im Stande die ſchwächere Sache zur ſtärkeren zu machen, Antid. 15.