Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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Hirt ſeines Volkes4⁸), während der Tyrann die Schwachen mit Uebermuth und die Beſſeren mit un⸗ verſöhnlichem Haſſe verfolgt**²). Er macht ſeine Unterthanen glücklichso), und indem er, mit allen ſitt⸗ lichen und geiſtigen Vorzügen ausgeſtattet, freiwilligen Gehorſam findets¹), erfreut er ſich ſelbſt einer Glückſeligkeit ohne Gleichen; dennüber ſolche zu gebieten, die ſich gern der Herrſchaft fügen, ſcheint nicht ein menſchliches, ſondern ein göttliches Glück zu ſein und wird auch ſichtlich nur denen verliehen, die im wahrhaften Beſitz vollkommner Tugend ſind; aber eine Zwingherrſchaft auszuüben über Unfrei⸗ willige, das verleihen die Götter denen, welche ſie eines Lebens für würdig halten, wie Tantalus im Hades leben ſoll, von ewiger Furcht erfüllt, er müſſe zum zweiten Male ſterben*⁵2).

Dasſelbe Princip endlich, das innerhalb einer politiſchen Ordnung maßgebend iſt, hat ſeine Geltung auch im Verhältniß der Völker zu einander. Wenn dem an Herrſchergeſchicklichkeit und Tugend hervorra⸗ genden Manne die leitende Stellung im Staate gehört, ſo gebührt einer Nation, die an ſittlicher Kraft und kriegeriſcher Tüchtigkeit, an einſichtiger und energiſcher Führung überlegen iſt, die Herrſchaft über Völker, die auf einer tieferen Bildungsſtufe ſtehen. So hatte Cyrus mit ſeinen Perſern ſich Aſien unterworfen und auf dem Unterbau einer großen landbauenden und tributpflichtigen, wehr⸗ und recht⸗ loſen Bevölkerungb³) die Herrſchaft der kleinan und wohl disciplinierten Minderzahl aufgeführt. Eine große Lehre und laute Mahnung für die Griechen. Das perſiſche Reich war mit der Entartung ſeiner Könige in Verfall gerathen?4); militäriſche Expeditionenbs) und diplomatiſche Sendungenb) hatten ſeine Ohnmacht den Blicken der Hellenen bloßgelegt: es ſchien beſtimmt der Superiorität des griechi⸗ ſſchen Stammes unterliegen zu müſſen, und dem Ageſilaus, der ſich ſelbſt berufen glaubte die von Aga⸗ memnon eröffneten Kreuzzüge gegen den Orient fortzuſetzens?), dieſem Mannevon vollendeter Tugend und Tüchtigkeit5s) mit ſeinen Spartiaten und den verbündeten Hellenen hat Xenophon ohne Zweifel die Rolle gegen Perſien zugedacht, in welcher Cyrus an der Spitze ſeiner Perſer und Bundesgenoſſen gegenüber den kraftloſen und ungeordneten Völkern Aſiens geſchildert iſt. Wie unſer Schriftſteller die Blicke von den parekbatiſchen Formen der Demokratie und Tyrannis auf die primitiven der ariſtokratiſchen

48) Cyr. VIII, 1, 1. 44. 2, 9[8, 1], Hier. XI, 14[Ageſ. I, 38, VII, 3]. Cyr. VIII, 2, 14; vgl. I, 1, 2, im Gegenſatz zu der Auffaſſung des Sophiſten Thraſymachus, Platon Staat 1, 343. Ariſtoteles Nikom. Eth. VIII, 12:Das Verhältniß des Vaters zu ſeinen Söhnen iſt ein Bild des Königthums(ogr. Pol. I, 5, 2); ebend. 13:Der König iſt ein Wohlthäter ſeiner Unterthanen, ſofern er als ein guter eifrig für ſie ſorgt, damit ſie ſich wohl befinden, wie der Hirt für ſeine Schafe; daher denn auch Homer ſeinen Agamemnonden Hirten der Mannen nannte. Platon dagegen erklärt im Polit. 275 fgg.(vgl. Geſ. IV, 413 c), daß ſtreng genommen dem Könige der Name des Hirten nicht zukomme, wie wir ihn oben, Anm. 38, gegen die Vergleichung des Herrſchers mit dem Weiſel in demſelben Dialoge haben proteſtieren ſehen.

49) Der Aſſyrier bildet das Gegenſtück des Cyrus in dieſer Beziehung, Cyr. V, 2, 28. 4, 35. IV, 6, 3 fgg.

50) Cyr. VIII, 2, 14, Hier. XI, 7.

51) Cyr. I, 1, 3. 6, 22, V, 1, 24, VIII, 1, 4...

52) Oek. XXl, 12. Sokrates ſah die königliche Kunſt als eine Glückſeligkeit an, Mem. II, 1, 17, wie den Sophiſten die Tyrannis als ſolche erſchien, Plat. Gorg. 469 c. Dies Thema führt Xenophon in einem be⸗ ſonderen Dialoge, dem Hieron, aus. Dieſelbe Anſicht berrſcht in der Cyropädie, wo Cyrus als 5 ⸗ddatov- 4orarés te Cv za Ay bezeichnet wird VIII, 1, 24, und ſeine Beamten bald auρναee rie Baothelas VIII, 7, 14, bald EheJere: T eodatwovlac heißen VIII, 1, 10.

53) Cyr. VII, 5, 79; vol. Et. d. L. XII, 4, obgleich eine menſchenfreundliche Behandlung der Unter⸗ worfenen durch ihre Stellung nicht ausgeſchloſſen iſt VllI, 1, 43 44, entſprechend der humanen Auffaſſung des Sclavenverhältniſſes bei Xenophon Oek. XIV, 9.

54) Cyr. VIII, 8, 5.

55) Vor allen der Zehntauſend unter Xenophon ſelbſt und des Ageſilaus, Anab. III, 2, 26, Hell. III, 4, 2, VI, 1, 12, Iſokr. Paneg.§. 144 149.

56) Der Arkader Antiochus berichtete, von ſeiner Geſandtſchaft zurückgekehrt, der arkadiſchen Bundesver⸗ ſammlung, der König habe zwar Bäcker, Köche, Mundſchenke und Thürbüter in großer Anzahl, aber Männer, welche mit den Hellenen zu kämpfen vermöchten, habe er, der Geſandte, ſo eifrig er danach geſucht, nicht finden können, Hell. VII, 1, 38.

.57) Davon zeugt das Opfer, welches der Spartanerkönig vor ſeiner Fahrt nach Aſien in Aulis zu ver⸗ richten im Sinne hatte, wo Agamemnon geopfert, als er ſich nach Troja einſchiffen wollte(Hell. III, 4, 3): eine Idee von faſt romantiſcher Varbun. Vgl. Roſcher Klio S. 239 und 391 Anm. 1. 3

58) Ein re 46c dviẽp dr 0« wird Ageſilaus, wenn nicht von unſerem Autor ſelbſt, doch im Sinne des⸗

ſelben genannt, Ageſ. I, 1, X, 1; denn der Xenophontiſche Urſprung dieſer Biographie erſcheint mehr als verdächtig. 2