Aufsatz 
Zur Geschichte der griechischen Staatswissenschaft : 2. Artikel. Xenophon und Isokrates. - Hippodamus und Phaleas. - Kritischer Nachtrag
Entstehung
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eine ethiſche Ordnung, indem alle Inſtitutionen auf die höchſte Ausbildung der ſirrlichen Tüchtig⸗ keit und Kraft gerichtet ſind ²), und dieſe den weſentlichen Maßſtab der politiſchen Rechte bildet.

In den Einrichtungen des altperſiſchen Gemeinweſens hat Xenophon das Ideal eines Staates, wenn auch nur leicht, ſkizziert, im Cyrus zeichnet er das Bild eines vollendeten Herrſchers mit breite⸗ ren Strichen. Er geht von der Beobachtung des kurzen Beſtandes aller menſchlichen Herrſchaft aus und kommt zu dem Schluſſe, daß über Menſchen zu gebieten die ſchwerſte Kunſt ſein müſſe. Das Beiſpiel des Cyrus aber habe ihn gelehrt, daß es weder zu den unmöglichen, noch zu den ſchwierigen Werken gehöre, wenn man von dem nöthigen Wiſſen unterſtützt daran gehe.Der wahre Gebieter und Kö⸗ nig iſt der, welcher zu herrſchen weiß: dieſen Sokratiſchen Satz¹³) auszuführen, die Kunſt des voll⸗ endeten Herrſchers zu ſchildern hat Xenophon ſich zur Aufgabe gemacht, und keiner ſchien ihm geeig⸗ neter, Träger einer großen politiſchen Lehre zu ſein, als der vielbewunderte Königs4), deſſen geſchicht⸗ liche Bedeutung außerordentlich und unbeſtritten, und deſſen Leben zugleich von der Sage ſo durch⸗ woben war, daß es einer freieren tendenzmäßigen Behandlung ſich ohne Schwierigkeit fügtess); keiner galt ihm für einen würdigeren Repräſentanten der Regentenkunſt, als der mächtige Staatengründer, der ſich für die Entwickelung ſeiner großen Eigenſchaften den weiteſten Spielraum geſchaffen, und der unumſchränkte Machthaberss), welchem die Möglichkeit gegeben war, die königliche Kunſt in der höch⸗ ſten Vollendung zu üben.

Cyrus, den Natur und Schule gleichmäßig für ſeinen Beruf ausgerüftets*), der gleich dem Weiſel der Bienen zum Könige geborenss) und in der muſtergültigen Disciplin der Perſer aufgezogen war, entfaltete ſein Herrſchergeſchick zunächſt als Heerführer und Eroberer, ſodann als politiſcher Organiſa⸗ tor und Regent des neu begründeten Reiches. Die Summe ſeiner, wie aller Herrſcherweisheit, aber faßt ſich in zwei einfache Axiome zuſammen.

In erſter Linie ſteht der Satz, daß keinem die Herrſchaft gebühre, der nicht beſſer als die Be⸗ herrſchten ſei, der nicht die Tugenden der Gottesfurcht, Gerechtigkeit, ſittlichen Scheu, Ehrbarkeit und Selbſtbeherrſchung, ſowie die kriegeriſchen Künſte in höherem Grade unausgeſetzt ſelbſt übe und pfleges¹). Dieſer Forderung entſprechend iſt das Bild des Cyrus entworfen und ihm ein Kehrbild im Cyaxares gegenübergeſtellt, der ſich zu dem demüthigenden Bekenntniß gezwungen ſieht, er herrſche über die Meder

32) Cyr. l, 2, 5: ày He*rtorot eley ol roMtrat, im Gegenſatz zu der Denk⸗ und Lebensweiſe der Aiſörjer deren Streben nur auf den Erwerb einer möglichſt großen Summe äußerer Güter gerichtet iſt, V. 7

33) Mem III, 9, 10: Bacthete zal dn vac elvat rods àtO A, vO, Apxetv. Cyr. 1, 1, 3: 05re rGy AOyArGy Oöte TGv JaAAbery E v[ErL] 10 dy9cy ÁJety, dy rte Enio ahtvycoe roro arr.

34) Iſokrates ſagt im Euagoras§. 37, unter allen, welche eine Herrſchaft erworben, werde Cyrus am höchſten und von den meiſten bewundert. Außer Nenophon giebt ſich auch der Cyniker Antiſthenes als einen Bewunderer des Perſerkönigs kund; zwei ſeiner Schriften führen den Namen desſelben an ihrer Spitze, Diog. Laert. VI, 16, Athen. V, 220 d, Cic. Attic. XII, 38, 5.

35) Zum Charakterbilde des Helden haben bekanntlich der jüngere Cyrus und Ageſilaus Züge geliehen; ſ. Hertlein in der Einleitung zu ſeiner Ausgabe§. 6..

36) Cyr. 1, 1, 5[VII, 8, 1]. Im neugegründeten Reiche beſtebt ein Apyety en kbeovesla, abſolute Herrſchaft, gegenüber dem verfaſſungsmäßigen Königthum in Perſis, VIII, 5, 24, 1, 3, 8.

37) Auf allen Gebieten werden tüchtigere Leiſtungen durch gute Anlagen und Erziehung bedingt, Oek. XX, 11, Crr. 1I, 1, 6; vgl. Mem. Ul, 9, 1 fgg. IV, 1, 2 fgg. 2, 2 fgg. In der erſten der citierten Stellen wird der göttlichen Gnade gedacht, deren es Augerdem vor allem bedürfe. Es gebt der politiſchen Reaction die religiöſe zur Seite. Der Menſch muß ſich nach Xenophon die göttliche Liebe durch fromme Verehrung verdienen, aber eine bezeichnende Auffaſſung ſelbſt das Verdienſt wird derſelben nicht immer theilhaftig; denn die Götter ſind nicht gezwungen denjenigen ihre Fürſorge zuzuwenden, denen ſie dieſelbe verſagen wol⸗ len, Cyr. I, 6, 46; vgl. Nägelsbach nachhomer. Theol. I,§. 39. Der abſoluten denpwuns aller überirdi⸗ ſchen Exiſtenzen und Mächte Piat. Geſ. X, 888 c) ſtellt ſich die Lehre von der Unbeſchränktheit des göttli⸗ chen Weltregimentes gegenüber.

38) Cyr. V, 1, 24. Platon gebraucht dasſelbe Bild im Staat VII, 520 b, während er im Staatsmann 301 d erklärt, es gebe in den Staaten keinen König, wie er in den Bienenſchwärmen aufwachſe, der ſich gleich nach Leib und Seele unterſcheide.

39) Cyr. VIII, 1, 21 39.