Aufsatz 
Die erste Abiturienten-Prüfung / Chr. Hempfing
Entstehung
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II

Examen auch von Schülern mittlerer Begabung zu bestehen ist, wenn sie es nur nicht an dem erforderlichen Fleiss und Eifer fehlen lassen. An der Erfüllung dieser Forderung muss aber streng festgehalten werden; denn sie ist nicht nur zur Entwickelung der geistigen Kräfte des Schülers unerlässlich, sondern es ist auch ohne Arbeit und ernstes Streben kein Erfolg in der Erziehung der Jugend überhaupt zu erwarten. Deshalb mögen denn auch die Eltern die ge-- stellten Anforderungen nicht für zu hoch halten. Sind ja doch auch mit der Erreichung des Zieles nicht unbedeutende Berechtigungen verbunden, die in dem 2. Theil des Programmes S. 5 mitgetheilt sind. Auch steigert das Leben seine Anforderungen immermehr, und was man jetzt noch für weit gehend hält, mag schon in wenigen Jahren ein gewöhnliches Ziel sein.

zlit Beziehung auf die S. 5 gegebene Schlussbemerkung, solche Schüler betreffend, welche den Cursus weiter fortsetzen wollen, erlaube ich mir hier anzuführen, dass 2 gut bestandene Abiturienten ohne weitere Prüfung in die Prima der seit lange rühmlichst bekannten Real- schule I. Ordnung zu Siegen aufgenommen worden sind.

Oefters ist schon das Bedenken geäussert worden, dass die Schüler zur Absolvirung des Cursus der höheren Bürgerschule diese zu lange besuchen müssten. Auf eine ausführliche Widerlegung dieser Ansicht hier einzugehen, würde zu weitführen. Wir wollen hier nur be- merken, dass die Erlangung der gewünschten Berechtigungen auf unserer Schule nicht länger dauert, als auf jeder anderen höheren Lehranstalt, indem vom Unterrichts-Ministerium eine vollständige Gleichheit in Beziehung auf Cursusdauer(6 Jahre) und Lehrziele angeordnet ist, und auf deren Erfüllung streng gehalten wird.

Wenn ein Schüler mit dem vollendeten 9. Lebensjahre in die höhere Bürgerschule ein- tritt, so kann derselbe mit dem vollendeten 15. Jahre das Examen bestanden hahen. Aber setzen wir auch noch ein oder zwei Jahre, wegen verspäteten Eintritts oder weil der Schüler nicht regelmässig aufrückt, hinzu; so gelangt derselbe doch schon in einem Alter an's Ziel, in welchem er sich kaum mit Rücksicht auf individuelle Befähigung und Neigung zu einem Berufe entschieden haben kann. Kein Schritt in dem Leben des jungen Menschen ist aber von so wichtigen und weittragenden Folgen als gerade die Wahl des Berufes und es kann nur von Vortheil sein, wenn diese erst in einem Alter geschieht, in welchem die besondere Beanlagung des Jünglings deutlich hervorgetreten ist, damit er sich einem solchen Geschäft widme, von welchem ihm nicht nur eine gründliche Erlernung möglich ist, sondern in welchem er sich auch auszeichnen kann. Die Wahl des Berufes wird aber wesentlich erleichtert, wenn dieselbe auf Grund des dem Abiturienten zu ertheilenden Zeugnisses erfolgt, welches sich in ausführ- licher Weise über dessen Wissen und Können in den einzelnen Lehrgegenständen ausspricht. Die auf seine allgemeine Bildung verwandte Zeit und Mühe befähigt ihn aber auch, wie die Erfahrung längst bewiesen hat seinen Beruf in viel kürzerer Zeit und mit mehr Ver- ständniss und Einsicht zu erlernen, als wenn er früher eingetreten wäre. Auch ist es jetzt allgemein üblich geworden, die herkömmliche Lehrzeit beträchtlich zu kürzen, wenn der Lehrling sich die Berechtigung zum Einjährig-Freiwilligen-Militairdienst erworben hat. Nach Absolvirung des Cursus ist der Schüler soweit gebildet, dass ihm ein kaufmännischer Betrieb eines jeden Geschäfts ohne weitere Anleitung später möglich ist. Uebrigens verliert der junge Mann gar nichts an der zur Ausbildung in seinem Berufe zu verwendenden Zeit; denn die

2 Jahre, welche er etwa auf seine Schulbildung mehr verwandt hat, werden ihm ganz ab- gesehen von vielen andern, auch in gesellschaftlicher Stellung wichtigen und angenehmen Vortheilen an seinem Militairdienst gekürzt.

Durch die folgende Darstellung der abgehaltenen Prüfung in Verbindung mit dem unter den Schulnachrichten mitgetheilten Lehrplan wird nun Jedermann in den Stand gesetzt, sich selbst ein zuverlässiges Urtheil über Zweck und Ziel der höheren Bürgerschule und über den Weg zu demselben zu bilden. Und sollte weitere Auskunft gewünscht werden, so sind hierzu die Lehrer jederzeit gern bereit. Es wird aber Niemand genöthigt sein, um die Schule kennen zu lernen, nach Hörensagen und Gerüchten zu urtheilen und seine Massnahmen hiernach zu treffen; sondern im Gegentheil wird er bedenken müssen, dass, sowie eine OQuelle dann am reichlichsten fliesst, wenn ihr Wasser trübe ist, die böswilligen Gerüchte auch am gellissent- lichsten verbreitet werden. Und gar oft hört man verurtheilende Aussagen, die auf nichts