Aufsatz 
Die erste Abiturienten-Prüfung / Chr. Hempfing
Entstehung
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Vorbemerkung.

Mehrfache Gründe veranlassten uns, eine ausführliche Darstellung der ersten Abiturienten- Prüfung unserem diesjährigen Programme statt einer Abhandlung beizugeben. Hauptsächlich war es aber der Grund, dem Publicum einen Einblick in die erstrebten und erreichten Ziele der höheren Bürgerschule zu geben. Und dieses, glaubten wir, könnte in keiner Weise besser als dadurch geschehen, dass ausführlich gezeigt würde, welche Aufgaben die abgehenden Schüler zu lösen befähigt, bis zu welcher Stufe der Bildung sie in den verschiedenen Lehrgegenständen gefördert sind, und wie solches durch die schriftliche und mündliche Prüfung constatirt worden ist. Wir dürfen wohl annehmen, mit der ausgeführten Darlegung vielen Eſtern einen wesent- lichen Dienst erwiesen zu haben, indem hierdurch denselben ermöglicht und erleichtert ist, den Bildungsweg und das Bildungsziel unserer Anstalt näher kennen zu lernen und insbesondere letzteres mit den zum erwählten Berufe ihrer Söhne erforderlichen Kenntnissen und Fertigkeiten in Erwägung zu ziehen und zu prüfen, in wie weit eine geeignete Vorbereitung durch einen Cursus der höheren Bürgerschule erreicht werden kann. Wir sind überzeugt, dass wenn diese Prüfung vorurtheilsfrei, gründlich und ohne Nebenrücksichten geschieht, dieselbe zu einem günstigen Resultate für unsere Anstalt führen muss. Schon das Entstehen und Bestehen der Reallehranstalten neben den viel älteren und vielberechtigten Gymnasien beweist thatsächlich, dass jene für die meisten Berufsarten eine zweckmässigere Vorbereitung gewähren müssen. Solches ist nun auch in einem früheren Ministerial-Rescripie ausgesprochen worden, in welchem es heisst, dass sich die Real- und höheren Burgerschulen von den Gymnasien nur durch einen dem Studium der classischen Literatur gewidmeten niederen Zeitaufwand unterscheiden, dagegen ihren Schülern eine gleiche oft bessere Gelegenheit zur Erlernung der Mathematik, Ge- schichte und Naturwissenschaften und zur Ausbildung in der Muttersprache und in anderen lebenden Sprachen gewähren, als solche in den Gymnasien sich findet. Die statistischen Er- hebungen über den Besuch der Gymnasien liefern nun den Beweis wie es ja auch bei den gestellten Anforderungen nicht anders sein kann dass nur ein geringer Procentsatz zu dem letzten Ziele, den Facultätsstudien, gelangt, und die anderen Schüler aus den mittleren Classen zu einem praktischen Berufe übergehen müssen. Diese alle hätten nun aber eine geeignetere Vorbereitung auf einer Reallehranstalt erhalten. In Fabrik- und Handelsstädten ist dieses auch schon längst erkannt, und handelt man auch darnach. So finden sich in Frankfurt 6 Real- und höhere Bürgerschulen mit 1562 Schülern und ein Gymnasium mit 204 Schülern*ε). Durch ein solches rationelles Wählen der Lehranstalt für die Söhne mit Rücksicht auf den künftigen Beruf wird nun aber bei den Gymnasien erreicht, was man so olft aussprechen und wünschen hört, dass eine grosse Menge Schüler fern gehalten werden, welche nicht die Absicht haben bezw. nicht haben können, die Universität zu beziehen, und daher nur die unteren und mittleren Classen frequentiren und hier einen lästigen und hinderlichen Ballast bei der Erreichung der vorgesetzten Ziele bilden. Gehen dann nun solche Schüler in's Geschäftsleben über, so haben sie dann erst durch Privatunterricht sich diejenigen Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen, welche hierzu unumgünglich erforderlich sind, die aber in dem Gymnasial-Lehrplan nur eine untergeordnete Berücksichtigung finden können. Aus der Kenntnissnahme der nachfolgenden Darstellung der Abiturienten-Prüfung, sowie aus dem mitgetheilten Lehrplan wird num jeder unbefangen Prüfende zu der Einsicht gelangen, dass Schüler einer Reallehranstalt, welche diese aus den mittleren Classen verlassen, insbesondere auch in solchen Unterrichtsgegenständen gefördert sind, deren Kenniniss das praktische Leben erfordert.

Aus dem hei der Präfung erlangten günstigen Resultat, dass nämlich sämmtliche 9 Abi- turienten die Prüfung bestanden haben, können aber die Eltern ferner entnehmen, dass das

*) Mushacke, deutscher Schulkalender für 1873.