Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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gehenden Concentration des Unterrichts geäußert haben. Bekanntlich iſt ſchon zun öfteren den Realgymnaſien derſelbe Vorwurf gemacht worden. Wenn dieſer Mangel ſo außerordentlich einfluß⸗ reich wäre, ſo müßten ſich bedeutende Nachteile bei den Schülern der letzteren Anſtalt gezeigt haben. Laſſen wir hier Thatſachen reden. Es iſt oben ſchon erwähnt worden, daß ein Abi⸗ turient eines Realgymnaſiums durchſchnittlich 14 Monate nöthig hatte, um das Maturi⸗ tätsexramen an einem Gymnaſium nachzuholen. Mit dieſem Ergänzungsexamen kommt nun der junge Mann in den Genuß aller Rechte des Abiturienten eines Gymnaſiums; folglich muß man annehmen, daß derſelbe in der kurzen Zeit alle die Bildungsvorteile, welche die Concen⸗ tration des Gymnaſialunterrichts gewähren ſoll, ſe erworben hat. Oder war vielleicht ein Unter⸗ chied gar nicht vorhanden! Für letzteres ſprechen folgende authentiſche Fälle. Seit einem Decennium ſtudieren bekanntlich Abiturienten des Realgymnaſiums neben denen des Gymnaſiums, und es konnte daher bemerkt werden, daß ein Unterſchied in den Fakultätsexamen nicht vor⸗ kommt, daß aber erſtere verhältnismäßig mehr Preisaufgaben gelöſt haben, als letztere. Ferner iſt es vorgekommen, daß Profeſſoren(Hoff⸗ mann, v. Hanſtein,, welche moͤglichſt feindlich und hindernd den Abiturienten des Realgym⸗ nafiums entgegentraten, zu wiederholten Malen mehrere dieſer jungen Leute zu ihren Aſſiſtenten gewählt und zu ihren wiſſenſchaftlichen Arbeiten herangezogen hatten, ohne daß ſie einen Unter⸗ ſchied bei ihren Aſſiſtenten von verſchiedener Vorbildung bemerkten. Wie begründet war alſo das abfällige Urteil dieſer Männer gegen die Realgymnaſien!! Ihnen gegenüber ließen ſich eine große Anzahl berühmter Gelehrten nennen, welche durch Studium oder vorurteilsfreie Beobach⸗ tung zu anderer Anſicht gelangt ſind: Hüter, Falk, Fick, Fiſcher in Freiburg, Stengel, Roſenthal, Henſen, Lunge, C. Vogt, Küchenmeiſter, Medizinalrat Pfeiffer, Mettenheimer, v. Bezold, Gymnaſial⸗ direktor Schmelzer.

Von ganz beſonderem Wert ſind jedenfalls die Urteile ſolcher Gelehrten erſten Ranges, welche

anfangs den Realgymnaſien ungünſtig gegenüber

ſtanden und leider durch ihre Autorität in jener Zeit einen dieſen Lehranſtalten recht nachteiligen Einfluß ausübten, die aber durch vorurteilsloſes Beobachten zu günſtigen Anüichten über dieſelben kamen und ſich nun auch nicht ſcheuen, dieſe öffentlich auszuſprechen, wie ſolches von Geheim⸗ rat Dubois⸗Reymond, Profeſſor der Phyſik in Berlin, von Geheime Hofrat Wislicenius,

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Profeſſor der Chemie in Leipzig, von Geheimrat Urlich, Profeſſor der klaſſiſchen Philologie in Würzburg geſchehen iſt. Von noch größerer Be⸗ deutung iſt es aber, daß Geheimrat Dr. Wieſe, dem, wie oben bemerkt, 25 Jahre lang die Leitung des geſamten höheren Unterrichtsweſens Preußens in die Hand gelegt war und der es zur höchſten Blüte brachte, ſeit mehreren Jahren durch Wort und Schrift für Erweiterung der Berechtigungen der Realgymnaſien nachdrücklich eintritt.

Bedenkt man, wie ſchwer es hält, lang ge⸗ hegte Meinungen, die man für feſt begründet hielt, aufzugeben, und es auszuſprechen, daß man ſich geirrt, vielleicht auch nicht ſachlich und un⸗ befangen geurteilt habe, ſo erhalten die Aus⸗ ſprüche dieſer Männer einen noch höheren Wert.

Zu einem noch freieren Standpunkt iſt Pro⸗ feſſor Dr. Paulſen in Berlin in ſeinen Studien gelangt, deren Reſultate er in einem größeren Werke:Geſchichte des gelehrten Unterrichts auf den deutſchen Schulen und Univerſitäten nieder⸗ gelegt hat. Er ſagt daſelbſt S. 780...Schwer möchte es werden, zu beweiſen, daß der Gym⸗ naſialkurſus eine beſſere Vardereitüng. gewähre, wenn man ſich nicht mit den vagen Reden von der formalen und humanen Bildung begnügen will.(S. 779.) Ich glaube nicht, daß Idea⸗ lismus und wiſſenſchaftlicher Sinn, formale und humane Bildung, ſoweit ſie ſich bei den In⸗ habern der gelehrten Berufe finden, auf dem ſogenannten klaſſiſchen Unterricht beruhen, ſo daß Abnahme oder Untergang derſelben mit dem Aufhören jenes Unterrichts ſtattfinden. Es giebt nur eine wahre Bildung, welche die Voraus⸗ ſetzung gleicher geſellſchaftlicher Stellung iſt und dieſe kann auf verſchiedene Weiſe erlangt werden. Wir perhorreszieren auf das entſchiedenſte die Auffaſſung, als ſei die Realbildung an ſich eine niedrigere als die Gymnaſialbildung, ſie eſt nur eine andere. Die Gegenwart mit der dichteren Bevölkerung, den großen Zentralpunkten des Geiſteslebens, den verbeſſerten Verkehrsmitteln, bietet uns ganz andere Bildungsmittel des Lebens als der Beginn des Jahrhunderts unſeren Groß⸗ vätern. Weltkenntnis, Umſicht, Verſtändnis für andere Lebensaufgaben, wie Selbſterkeuntnis können dadurch leichter und beſſer gewonnen werden, als durch Bücherſtudium. Der Cha⸗ rakter erlangt dadurch leichter Befeſtigung; Verſtand, Phantaſie und Gemüt koͤnnen darin allſeitig Anregung finden. Das Schaffen im wirthſchaftlichen Berufe mitten im Weltverkehr, dem ſich niemand mehr zu entziehen vermag, gewährt daher ausgedehnten Erſatz für das Uni⸗ verſitätsſtudium. Aehnliche Anſichten ſpricht Profeſſor Conrad in oben a. W. aus, indem