die Schulorganiſation in günſtig aus.
In England wird ſchon ſeit längerer Zeit gleichfalls ein Streit bezüglich des Wertes und der Notwendigkeit der Kenntnis der beiden alten Sprachen gefuͤhrt, obgleich die Anforderungen, von welchen die Zulaſſung zum akademiſchen Studium abhängig gemacht iſt, bedeutend geringer ſind als bei uns und beſonders wenige grammatiſche Kenntniſſe gefordert werden. Gegen die gegen⸗ wärtigen Anforderungen in den klaſſiſchen Sprachen erklärte ſich die diesjährige Naturforſcher⸗ Verſammlung zu Aberdeen.
Wenn wir uns nun auch nicht der Erwar⸗ tung hingeben können, die von uns aus päda⸗ gogiſchen und volkswirtſchaftlichen Gründen not⸗ wendig erkannte Anderung in den Lehrplänen der höheren Lehranſtalten werde ſich baldigſt verwirklichen; ſo glauben wir doch, hoffen zu dürfen, daß unſere Anſichten immer weitere Verbreitung und Zuſtimmung finden und daher auch immer mehr höͤhere Lehranſtalten, dem Bei⸗ ſpiel des Altonaer Realgymnaſiums und den hoͤheren Schulen anderer Kulturvölker folgend, eine Umwandlung in der beſprochenen Hinſicht eintreten laſſen werden. Nun könnte aber leicht für ſolche Orte, an welchen— wie das hier in Marburg der Fall iſt— höhere Lehranſtalten nach dem Lehrplane eines Gymnaſiums und Realgymnaſiums ſich befinden, ein Ubelſtand darin gefunden werden, daß nach vollzogener Umwandlung derſelben, die ſeit einigen Jahren bewirkte Annäherung der drei unteren Klaſſen beider höheren Lehranſtalten wieder beſchränkt würde, und mancher möchte aus dieſem Grunde unſerem Plane entgegen ſein. Darum zur Ab⸗ weiſung dieſes etwaigen Einwurfs ein kurzes Wort mit Zugrundelegung der ſtatiſtiſchen Ver⸗ hältniſſe unſere Anſtalt, wobei wir zugleich die Wichtigkeit des etwa entſtehenden Hinderniſſes beurteilen lernen werden.
In den neunzehn Jahren des Beſtehens unſerer Anſtalt hatten von den 770 Schülern derſelben 60 Schüler vorher ein Gymnaſium beſucht; demnach nur 8 Prozent. Viel kleiner noch iſt die Zahl der Schüler, welche während des angegebenen Zeitraums von unſerer Anſtalt ins Gymnaſium übergetreten iſt, nämlich nur 15, das ſind cirka 2 Prozent. Von dieſen haben bis jetzt zwei Schüler das Maturitätsexamen beſtanden— vielleicht kommen noch zwei dazu; alle anderen hätten zweifellos beſſer gethan, ſie wären auf einer Realanſtalt geblieben.
Bezüglich der in unſerer Anſtalt übergetretenen Gymnaſiaſten bemerken wir Folgendes: Da eine volle Übereinſtimmung in den drei unteren
der Schweiz ſehr
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Klaſſen der Gymnaſien und Realgymnaſien auch nach den neuen Lehrplänen nicht beſteht, ſo machte ſich dieſe Verſchiedenheit meiſtens in der Weiſe geltend, daß der aus dem Gymnaſium kommende Schüler zwar in die gleichnamige Klaſſe eintrat, aber wenn nicht die Beanlagung eine günſtige war oder Privatunterricht Nachhülfe bot, im folgenden Jahr den Kurſus in derſelben Klaſſe wiederholen mußte. Der UÜbertritt faud bisher faſt nur zwiſchen den drei unteren Klaſſen ſtatt, meiſtens nur zwiſchen Quarta und Quinta. Aus der Tertia gehen die Schüler ſelten noch auf eine andere Anſtalt, meiſtens treten„ſie dann ins praktiſche Leben über. Bei einem Übergang eines Gymnaſiaſten in unſere Anſtalt, nach Einfuͤhrung des neuen Lehrplanes, würde derſelbe in die Klaſſe aufgenommen werden können, in welcher er im Gymnaſium war, was aber in der That keine Zurückſetzung iſt; denn die Erfahrung hat längſt gelehrt, daß ein Schüler nur dann die Anſtalt wechſelt, wenn kein Aufrücken zu hoffen iſt, er alſo das folgende Jahr in derſelben Klaſſe den Kurſus wiederholen müßte.
Um nun auch des, wie nachgewieſen, ſeltenen Falles vom ÜUbertritt aus unſerer Anſtalt ins Gymnaſium hier zu gedenken, wollen wir be⸗ merken, daß der Schüler, welcher bei den größeren Kenntniſſen im Franzöſiſchen und in der Ma⸗ thematik nicht imſtande iſt, das Lateiniſche in kurzer Zeit nachzuholen, beſſer thut, vom Studium fern zu bleiben.
So können alſo durch Einführung des neuen Lehrplanes in unſerer Anſtalt für den Übertritt eines Schülers auf eine andere höhere Lehr⸗ anſtalt nicht ſolche Schwierigkeiten abgeleitet werden, welche als ein Hindernis der durch viele Gründe gebotenen Veränderung anzuſehen ind.
Noch einem etwaigen weiteren Einwande möchten wir hier begegnen. Er könnte vielleicht in dem Umſtande gefunden werden, daß in un⸗ ſerem Lehrplane in den drei unterſten Klaſſen das Franzäſiſche und in den drei oberen Klaſſen das Lateiniſche mit einer größeren Stundenzahl auftritt. Man wird von dem Mangel eines Concentrationspunktes reden, obgleich niemals bewieſen iſt, daß ein ſolcher durch alle Klaſſen einer Schule immer derſelbe ſein muß. Es geht hiermit, wie auch mit anderen Anſichten, von denen Prof. Paulſen ſehr richtig ſagt, daß man zu den vorhandenen Vorurteilen die ent— ſprechenden Erfahrungen macht. Erinnern wir uns, daß die verſchiedenen erfahrenen Schul⸗ männer, welche ſich für eine Verlegung des La⸗ teiniſchen nach den oberen Klaſſen ausſprachen, keinerlei Beſorgnis wegen der etwa verloren


