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an Reichthum, Vernunft und gedrängter Fuge läßt ſich keine aller noch lebenden Sprachen ihr an die Seite ſetzen, auch unſere deutſche nicht, die zerriſſen iſt wie wir ſelbſt zerriſſen ſind, und erſt manche Gebrechen von ſich abſchütteln müßte ehe ſie kühn mit in die Laufbahn träte: doch einige wohlthuende Erinnerungen wird ſie dar⸗ bieten und wer möchte ihr die Hoffnung ab⸗ ſchneiden? Die Schönheit menſchlicher Sprache blühte nicht im Anfang, ſondern in ihrer Mitte; ihre reichſte Frucht wird ſie erſt einmal in der Zukunft darreichen“.
Wegen der geringen Bekanntſchaft, welche Leute mit abſolviertem Gymnaſialkurſus von der eng⸗ liſchen Literatur beſitzen, wird es nicht überflüſſig ſein, zu erwähnen, welchen hohen ethiſchen Wert die engliſchen Schriftwerke haben, und wie ſie in dieſer Beziehung weit über den alten Klaſſikern ſtehen. Die engliſche Literatur ſteht uns aber auch mit ihrem Inhalte viel näher und iſt uns deshalb auch verſtändlicher und intereſſanter. So gebührt z. B. unter den Dramatikern aller Völker und Zeiten unſtreitig Shakſpere die Palme. In hohem Grade iſt aber die Kenntnis der engliſchen Sprache auch für den Fachgelehrten anzuſchlagen, indem ihm hierdurch die wiſſen⸗ ſchaftliche Literatur dieſes Kulturvolkes zugäng⸗ lich gemacht wird.
Auf den guten Grund, welcher im Fran⸗ zöſiſchen in den beiden unteren Klaſſen als einziger fremden Sprache gelegt worden iſt, wird nun in Quarta, wie erwähnt, das Engliſche mit einer größeren Stundenzahl(6—8 wöchentl.) aufbauen, ſo daß es möglich ſein wird, in dem neuen Unterrichtsgegenſtand in einem Jahres⸗ kurſus ein namhaftes Penſum in der Grammatik u abſolvieren, ſowie auch Sicherheit in der Aus⸗ ſorache und einen beträchtlichen Memorierſtoff den Schülern zu eigen zu machen.
Bei dem Erlernen des Engliſchen wird eine Bezugnahme auf das bekannte Franzöſiſch von
roßem Nutzen ſein und beide Sprachen werden ſich mehr foͤrdern, als ſolches zwiſchen dem La⸗ teiniſchen und Franzöſiſchen bei dem gegenwär⸗ tigen Lehrplan der Fall iſt, da eine Wandlung in der Bedeutung der den beiden neueren Sprachen gemeinſamen Woͤrter in der nicht ſo langen Zeit bei weitem nicht von ſolchen Belang iſt, als dies bezüglich des Lateiniſchen und Frauzöſiſchen ſtatt⸗ indet. 3 Durch dieſe Anordnung des Franzöſiſchen und Engliſchen und bei der großen Stundenzahl in beiden Lehrgegenſtänden können die Schüler in den beiden wichtigſten Kulturſprachen ſo weit geführt werden, daß ſie bei einem etwaigen Aus⸗ tritt aus Quarta, welcher ſchon vorkommt, wenn
die Schüler einen oder zwei Jahreskurſe haben wiederholen müſſen, oder erſt mit dem 11.—12. Lebensjahre eingetreten ſind, auch ſchon einen Nutzen von ihren Sprachkenntniſſen für den praktiſchen Beruf haben; auch bietet ſich ihnen im letzteren viel Anregung zur Erhaltung und Fortbildung der gelernten Sprachen. Wie man aus der Anordnung der Lehr⸗ gedenſtände und deren Stundenzahl in unſerem fehrplan erſieht, ſchreiben wir den neueren Sprachen als Bildungsmittel eine große Be⸗ deutung zu. Dieſe unſere Anſicht wird aber weſentlich geſtützt durch den Ausſpruch eines Ge⸗ lehrten, der wie kein anderer befähigt war, über die Vollkommenheit der alten und neueren Sprachen u entſcheiden. In der oben angeführten Schrift zugt Jacob Grimm:„Die älteſte Sprache war melodiſch, aber weitſchweifig und haltlos, die mittlere voll gedrungener poetiſcher Kraft, die neue ſucht den Abgang an Schönheit durch Har⸗ monie des Ganzen einzubringen, und vermag mit geringeren Mitteln dennoch mehr.... Es ergiebt ſich, daß die menſchliche Sprache nur ſcheinbar und von einzelnem aus betrachtet, im Rückſchritt, vom ganzen her immer im Fort⸗ ſchritt und Zuwachs ihrer inneren Kraft
begriffen, angeſehen werden müſſe.“
Die übrigen Lehrgegenſtände der drei unteren Klaſſen bleiben bei unſerem Lehrplane nach Ver⸗ teilung auf die Klaſſen, ſowie nach ihren Zielen in dieſen, mit den bisherigen Vorſchriften in Übereinſtimmung; nur wäre vielleicht dem Deut⸗ ſchen und Rechnen in Quinta von ausfallenden lateiniſchen Stunden je eine Stunde zuzulegen.
Im weiteren Aufbau unſeres Lehrplanes ge⸗ langen wir nun zu der Tertia. In dieſer Klaſſe wird nunnießß das Lateiniſche mit 8 bis 9 Stunden auftreten; die demſelben zugelegten 2—3 Stunden kann jetzt leicht das Franzöſiſche und Engliſche entbehren. Außerdem wird von der häuslichen Arbeitszeit dem Lateiniſchen ein größerer Teil zugewieſen werden müſſen. Unter dieſen Verhältniſſen und mit Schuͤlern, welche ſchon mindeſtens drei Jahre Sprachen getrieben haben und nun auch wiſſen, daß ſie, um an ihr vorge⸗ ſetztes Ziel zu gelangen, das Lateiniſch nicht ent⸗ behren können, wird der Fortſchritt ein ganz an⸗ derer ſein als mit Sextanern.
Auch iſt es für das Gedeihen der Schule ein günſtiger Umſtand, daß bis zur Tertia hin ſo manche wenig begabte und unfleißige Schüler austreten, alſo die Zahl der Schüler in den oberen Klaſſen eine geringere, die durchſchnittliche Be⸗ Bugung derſelben aber eine beſſere geworden iſt. Selbſtverſtändlich wird man auch mit dieſen Schülern eine andere Methode befolgen und


