Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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ſondern die lateiniſchen Wörter ſelbſt ſchon durch allerhand Ableitungsſilben, Verkleinerungsformen u. ä. entſtellt hatte; in dieſemSoldatenlatein ſagte man z. B. aetaticum ſtatt aetas; semet ipsissimum ſtatt ipse u. ä., und aus jener Form erſt entſtand über edagio, edage, eage das franzöſiſche àge, aus der zweiten über semetsimo smesmo das franzöſiſche meme. Der zweite Punkt, der bei der Entwicklung der romaniſchen Sprachen, wie aller neueren, weſentlich mitſpielt und der gerade die Urſache ihrer Vervollkommnung gegenüber der Urſprache iſt, iſt das, was man dialektiſche Wiedererzeugung nennt; dieſe iſt durch die ſchon oben erwähnten rein ſychologiſchen Vorgänge hervorgerufen und ſehr chwer kontrollierbar.

Will man eine Bezugnahme zwiſchen dem Franzöſiſchen und Lateiniſchen eintreten laſſen, ſo wird ſolches mit Nutzen und ohne die oben angeführten Nachteile bei unſerem Plan aus⸗ führbar ſein; denn nach dieſem(S. 22) würden ſolche Beziehungen zwiſchen den beiden Sprachen erſt in Tertia eintreten; und ſelbſt dann müßten dieſe aus dialektiſchen Rückſichten noch ſehr be⸗ ſchränkt bleiben.

Noch dürfen wir eine Schwierigkeit, welche das Franzöſiſche dem Schüler in ſeiner Orthographie bietet, nicht unerwähnt laſſen. Wir glauben aber, daß ſich dieſe nach unſerem Plan leichter überwinden läßt, als nach dem bisherigen; indem das Franzöſiſche nach unſerem Plane in Sexta und Quinta(ſ. unten) als einzige fremde Sprache auftritt, alſo nicht durch das Lateiniſche gektört wird; auch erlaubt die Stundenzahl, noch deſondere orthographiſche Ubungen eintreten zu laſſen, oder dieſe mit dem Schoͤnſchreiben zu verbinden. In dem Gymnaſium und Real⸗ gymnaſium tritt bekanntlich das Franzöſiſche als zweite fremde Sprache in Quinta hinzu. Dieſes iſt aber auch ein Hauptgrund der Klagen wegen Ueberbürdung und der großen Schwierig⸗ keit, in den beiden Sprachen einige Sicherheit zu erzielen. Die Beſchwerden über Verwechſelung der Wörter und Regeln beider Sprachen ſind bei den reſp. Lehrern ſtehende geworden. Aus dieſem Grunde bleibt denn auch in den Gym⸗ naſien einiger deutſchen Länder, z. B. in Sachſen⸗Weimar⸗Eiſenach, das Lateiniſche die einzige fremde Sprache in Sexta und Quinta.

Nach unſerem Vorſchlage wird es möglich ſein, im Franzöſiſchen eine befriedigende Grund⸗ lage für die ſheden Klaſſen nach Wortvorrat und Formenlehre, neben Sicherheit in der Aus⸗ ſprache und Orthographie zu erlangen und hier⸗ durch wird der Schuͤler befähigt werden mit einer wünſchenswerten Freudigkeit die vielen

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Schülern der unteren Klaſſen bei dem bisherigen Verfahren ſo leicht verloren geht, zu arbeiten.

Bei der weiteren Entwickelung unſeres vor⸗ zuſchlagenden Lehrplanes wird, um die im Vor⸗ hergehenden erwähnten Übelſtände auch in Quarta und den folgenden Klaſſen zu vermeiden, in dieſer Klaſſe das Engliſche begonnen werden. Dieſe Sprache hat in der Gegenwart die weiteſte Verbreitung und in allen fünf Welttheilen reden viele Millionen Menſchen dieſelbe, ſo daß der junge Mann, der ſie kennt, ſich in den meiſten Ländern der Erde verſtändlich machen kann. Das Engliſche wird aber umſomehr an Wichtigkeit für die Jugend gewinnen, je wichtiger unſere Kolonien für uns werden. Aber nicht nur aus praktiſchen Gründen wollen wir die engliſche Sprache lehren wie man vor vielen Jahren das lateiniſche Sprechen übte, ſondern auch ihres bildenden Wertes wegen. Wir erlauben uns ein Urteil in dieſer Beziehung von niemand geringerem als vom Altmeiſter Jacob Grimm hier mitzutheilen, welches wohlgeeignet ſein dürfte, noch weit verbreitete Vorurteile über den Wert der engliſchen Sprache zu beſeitigen und ins Gegenteil zu verwandeln. In der SchriftUÜber den Urſprung der Sprache ſagt der große, neue Bahnen in der Sprachwiſſenſchaft erſchließende Gelehrte:Was das Gewicht und Ergebnis dieſer Erörterungen angeht, ſo mag ich mit einem einzigen aber entſchiedenen Beiſpiel ihrer beinahe enthoben ſein. Keine unter allen neueren Sprachen hat gerade durch das Aufgeben und Zerrütten aller Lautgeſetze, durch den Wegfall beinahe ſämtlicher Flexionen eine größere Kraft und Stärke empfangen als die engliſche und von ihrer nicht einmal lehrbaren, nur lernbaren Fülle freier Mitteltöne iſt eine weſentliche Gewalt des Ausdrucks abhängig geworden, wie ſie vielleicht noch nie einer anderen menſchlichen Zunge zu Gebote ſtand. Ihre ganze überaus geiſtige, wunderbar geglückte Anlage und Durchbildung war hervorgegangen aus einer überraſchenden Vermählung der beiden edelſten Sprachen des ſpäteren Europas, der germaniſchen und roma⸗ niſchen, und bekannt iſt wie im Engliſchen ſich beide zu einander verhalten, indem jene bei weitem die ſinnliche Grundlage hergab, dieſe die geiſtigen Begriffe zuführte. Ja die engliſche Sprache, von der nicht umſonſt auch der größte und überlegenſte Dichter der neuen Zeit im Gegenſatz zur klaſſiſchen alten Poeſie, ich kann natürlich nur Shakeſpere meinen, gezeugt und getragen worden iſt, ſie darf mit vollem Recht eine Weltſprache heißen und ſcheint gleich dem engliſchen Volk auserſehen künftig noch in höherem Maße an allen Enden der Erde zu walten. Denn