Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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kommt uns übrigens auf dieſem Gebiete ent⸗ gegen; und dies giebt auch Anlaß zu einer wichtigen pädagogiſchen Erwägung. as Be⸗ wußtſein eines Zwecks ſeines Lernens tritt bei dem Kinde viel klarer dem Franzöſiſchen gegen⸗ über hervor als dem Lateiniſchen: hat es doch ſchon ſo viel von dem Nachbarvolke gehört, daß es ſich gewiß auch für ſeine Sprache intereſſiert, an die es ſo viele Anknüpfungspunkte in ſeiner täglichen Umgebung findet. Umgekehrt bringt der Schüler, der ſchon Latein gelernt und von deſſen Fülle an Formen und Sprachmitteln einen Begriff bekommen hat, von ihm her leicht eine gewiſſe Verachtung und Unterſchätzung des an⸗ ſcheinend viel leichteren Franzöſiſchen mit, dem er keine volle Kraft mehr widmen zu müſſen glaubt, wie ich mich z. B. aus meiner Kindheit erinnere, daß ich aus dem genannten Grunde das Fran⸗ zöſiſche gar nicht lernen wollte und faſt ganz vernachläſſigte. Das Lateiniſche iſt auch in der That gerade in ſeinen Elementen weit ſchwieriger als das Franzöſiſche, weil ſeine Formen, De⸗ klinationen und Conjugationen, wie bei jeder urſprünglichen Sprache, viel mannigfaltiger ſind; weil ferner auch ſeine ſyntaktiſchen Regeln und ſprachlichen Liebhabereien weit verwickelter und weniger klar ſind, als die der modernen Sprachen. Es iſt dagegen ein Vorurteil, wenn vielfach be⸗ hauptet wird, daß die franzöſiſche Sprache weniger logiſch ſei, als die lateiniſche: ihre Geſetze ſind nur beweglicher, weniger ſtarr, weil der moderne Menſch die Sprache mehr beherrſcht, als der antike, der ſelbſt gleichſam noch halb von ihr beherrſcht wird, und weil pſychologiſche Einflüſſe in den modernen Sprachen eine groͤßere Rolle ſpielen. Deshalb ſteht auch freilich die Nüancierung der ſog. ſprachlichen Feinheiten in umgekehrtem Verhältnis bezuͤglich der Schwierig⸗ keit: wie denn überhaupt bei den alten Sprachen die ſinnliche Fülle der Formen, bei den neuen der geiſtige Inhalt, der Gedankenreichthum vorwiegt. Es it ſomit auch die lateiniſche Sprache nicht vollkommener als die modernen, wie man oft hört(vgl. z. B. Steimeyer p. 14:Betrachtungen über unſer klaſſiſches Schulweſen), ſondern um⸗ gekehrt: inſofern die modernen Sprachen mit weit geringeren Mitteln weit ſtärkeren Erfolg erzielen als alle antiken. Weil alſo die Formen der modernen Sprache abgeſchliffener, einfacher ſind, deshalb ſind ihre Elemente(und um dieſe handelt es ſich doch zunächſt nur) leichter zu erlernen, und folglich auch ſchon fuͤr ein früheres Alter faßbar, als die der antiken.

Was dann die Erleichterung des Ver⸗ ſtändniſſes betrifft, ſo iſt an ſich klar und bekannt, daß jede Sprachkenntnis dem Verſtändnis für weitere Sprachen vorbaut, und ſo gewiß guch die Kenntnis des Lateiniſchen der des Fran⸗ zoͤſiſchen; aber daraus folgt doch wohl nicht, daß das Erlernen zweier Sprachen leichter iſt, als das einer einzigen; und ebenſowenig, daß man zur Erlernung einer leichteren Sprache den Weg uͤber eine ſchwierigere nehmen ſoll; vielmehr wird, wer mehrere Sprachen zu erlernen hat, gewiß die leichtere, ſeinem Bewußtſein und Ver⸗ ſtändnis näher liegende zuerſt lernen. Es iſt ähnlich wie wenn Jemand von Berlin nach Rom und Paris reiſen will. Will er nur nach einer der beiden Städte, ſo wird er gewiß den direkten Weg wählen; will er aber nach beiden, ſo wird er wohl eher über Paris nach Rom, als um⸗ gekehrt reiſen. Dem entſpricht auch der Weg üͤber das Franzöſiſche nach dem Lateiniſchen. Dieſer iſt aber um ſo mehr zu wählen, wenn das Hauptziel, wie das im Gymnaſium der Fall iſt, das Lateiniſche ſein ſoll. Will man aber vollends nur Franzöſiſch lernen, ſo hat es keinen Sinn, dies durch das viel ſchwierigere Lateiniſch vorbereiten zu wollen: wenn man auf einer Treppe ſieben Stufen hinan wollte, würde man doch nicht zuerſt zehn erſteigen, um dann von da aus ab⸗ wärts bequemer an ſein Ziel zu gelangen.

Dieſe ganze Meinung baut ſich übrigens, wie ich glaube, auf die frühere Auffaſſung der ſprach⸗ geſchichtlichen Doktrin auf, welche lehrte, di das Franzöſiſche, wie alle romaniſchen Sprachen nur durch ſog. phonetiſchen Verfall, d. h. alſo durch Verderbnis aus dem Lateiniſchen entſtanden ſei, joſofeun im Lauf der Zeiten die unbetonten Endſilben allmählich abfielen. Daraus zog man allerdings mit ſichtlicher Berechtigung jenen Schluß, da offenbar das Unvollkommene leichter aus dem Vollkommenen zu erkennen und ſomit auch zu erlernen iſt, als umgekehrt. Dieſe Auffaſſung iſt aber durch die weitere Entwicklung der ſprach⸗ geſchichtlichen Erkenntnis in zwei ſehr weſent⸗ lichen Punkten modifizirt worden, die freilich in den Nichtfachkreiſen weniger bekannt geworden, aber bei einer Beurteilung unſerer Frage ja nicht zu überſehen ſind. Der erſte iſt der, daß ſich bekanntlich die franzöſiſchen Wortbil⸗ dungen gar nicht an die Formen der echten lateiniſchen Sprache angeſchloſſen haben, ſondern an die verderbte Sprache der roͤmiſchen Legionäre, die nicht nur von vielen barbariſchen(beſ. keltiſchen und, germaniſchen) Wörtern durchſetzt war,

*) Verſchiedene ſyntaktiſche Regeln des Lateiniſchen werden ſchon in Quinta und Ouarta gelehrt und geübt, kommen aber dem Tertianer erſt zum klaren Verſtändnis, und bis dahin wird der Lehrer vergeblich gegen die Fehler ankämpfen und nur die Mühe des Corrigierens davon haben. Die Zeit hätte aber beſſer auf in dem Faſſungskreiſe

des Schülers liegende Gegenſtände verwandt werden können.