Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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des höheren Schulweſens und dieſer ſein Nach⸗ folger ſeit 1874. Erſterer erklärte, daß der vorgelegte Plan wohl durchdacht und von ſeinem Urheber ſo gerechtfertigt ſei, daß jedenfalls ihm ſelber geſtattet werden könne, denſelben auszu⸗ führen und die Probe zu machen. Wer das Franzöſiſch genau kenne, werde weit entfernt ſein, dieſer Sprache die Eigenſchaften abzuſprechen, welche für einen grundlegenden grammatiſchen Unterricht erforderlich ſind. Er erklärte ſein Bedenken nur aus ethiſchen Gründen. Aber wenn man ohne Gefahr Franzöſiſch in allen Klaſſen der Töchterſchulen in großer Stunden⸗ zahl, ſeit Jahren unterrichtet, ohne ethiſche Nach⸗ theile bemerkt zu haben, ſo koͤnnen Gefahren für die männliche Jugend kaum entſtehen, wenn in den unteren Klaſſen das Franzöſiſche vor⸗ herrſcht.

Dr. Bonitz erklärte es für wünſchenswert, daß der Kern des Planes, den Unterricht im Franzöſiſchen vor dem Lateiniſchen zu beginnen, und 5 einen wirklich gemeinſamen Unterbau für Gymnaſien und Realſchulen zu gewinnen, durch die Erfahrung erprobt würde; und wenn er auch nach dem thatſächlichen Standpunkte der pſychologiſchen Wiſſenſchaft es nicht für möglich halte, den Erfolg mit voller Sicherheit zu ver⸗ bürgen, ſo halte er doch einen mit Fenzenwarz durchgeführten Verſuch für nnbedenklich.

Dieſe Erklärungen der beiden höchſtgeſtellten Schulmänner müſſen gewiß ſehr günſtige genannt werden. Leider war es Herrn Oſtendorf nicht vergönnt, ſeine Anſichten zu verwirklichen, indem der Tod den überaus thätigen Mann im ſegens⸗ reichſten Wirken und im beſten Mannesalter hinwegraffte.

In noch höͤherem Grade, wie ſich die neueren Sprachen im wiſſenſchaftlichen Sinne in den letzten Dezennien fortentwickelt haben, iſt ſolches von der Methodik des neuſprachlichen Unterrichts zu ſagen, weshalb auch befriedigende Reſultate in unſeren Schulen bei tüchtigen Lehrern jetzt kaum noch fraglich ſein können. 1

Es dürfte angezeigt ſein, noch einige Anſichten bewährter Schulmänner über den Beginn des Franzöſiſchen vor dem Lateiniſchen zu höͤren. Schon vor längerer Zeit(1840) hatte ſich der württembergiſche Oberſtudienrat Dr. Nagel hierfür erklärt. Er bemerkte mit Recht,daß der Nutzen des vorausgehenden Lateiniſch für das Franzöſiſche meiſtens überſchätzt werde; denn die Kenntnis der lateiniſchen Wörter ſei für das

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Franzöſiſche eben ſo oft hinderlich, als förderlich, indem der Schüler dadurch in Gefahr komme, aus dem Lateiniſchen franzöſiſche Wörter zu bilden, die in der Sprache gar nicht exiſtieren, oder Wortformen nach der Analogie abzuleiten, für welche im Franzöſiſchen etwas ganz anderes im Gebrauche iſt. Wirkt aber in der That eine Sprache fördernd auf die andere, ſo muß ſolches auch möglich ſein, wenn das Franzöſiſche vor⸗ ausgeht. 3

Hören wir noch eine Stimme von Seiten des Gymnaſiums*). Gymnaſial⸗Prof. Dr. v. Soden ſagt in der oben angeführten Schrift:Wohl iſt das Franzöſiſche aus dem Lateiniſchen abgeleitet, aber die Geſetze dieſer Ableitung ſind viel zu ſchwer und zu verwickelt, als daß der Schüler ihnen folgen, ſie verſtehen könnte; und eben ihr Studium, ihre Erkenntnis iſt doch unerläßlich, wenn jener Nutzen wirkſam werden ſoll. An⸗ ders könnte es ſich doch nur um ein zielloſes Raten handeln, das gewiß mehr irreführt als hilft. Überhaupt aber liegt gerade in der größeren Urſprünglichkeit des Lateiniſchen ein Hauptgrund dafür, ſeine Erlernung nicht vor die des weniger urſprünglichen Franzöſiſchen zu ſetzen. Denn was urſprünglich iſt, liegt der modernen Begriffs⸗ welt ferner und iſt deshalb für ein Kind, das doch ganz in der Gegenwart lebt, um ſo ſchwieriger zu erreichen. So wahr es iſt, daß die Entwicklung des einzelnen Menſchen im Großen und Ganzen der Entwicklung der ganzen Menſchheit parallel geht, ſo wenig darf dies gerade auf den Stoff bezogen werden, der der beiderſeitigen Begriffswelt zu Grunde liegt; es iſt mehr nur eine parallele Entwicklung der Formen, in denen ſich Anſchauung und Begriffe bewegen. Eine Sprache aber iſt unzertrennlich von dem Stoff, deſſen Ausdruck ſie iſt, d. h. den Vorſtellungen und Begriffen ihres Volks. Daß nun die Begriffe der modernen Franzoſen oder Engländer auch dem Deutſchen näher liegen, als die des antiken Römers, iſt doch klar: alſo auch die Sprache! Dies wird um ſo deutlicher erkannt werden, je mehr man ſich von dem rein formaliſtiſchen Prinzip, die Sprache nur um ihrer ſelbſt, nur um ihrer Formen und Regeln willen zu erlernen, entfernt; je mehr man zu der Erkenntnis durchdringt, die ſich gegenwärtig in allen Kreiſen mehr und mehr Bahn bricht, daß der Sprachunterricht, um wahrhaft wirkſam zu ſein, ſich aufs engſte an den Sachunterricht an⸗ ſchließen muß. Der eigene Inſtinkt des Kindes

*) Wenn wir hier noch ein etwas ausführliches Citat einlegen, ſo geſchieht es mit Rückſſicht auf den Stand des Verfaſſers, und weil daſſelbe weit verbreitete irrige Anſichten gründlich widerlegt; wie denn überhaupt jedem un⸗ befangenen Leſer leicht erkennbar ſein wird, daß wir nur Autoritäten für uns reden laſſen.