Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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einerſeits einfach, andererſeits deutlich ſein. Beide Eigenſchaften träfen in der italieniſchen Sprache zuſammen. Da man aber dieſe aus bekannten Gründen nicht für den fremdſprachlichen Un⸗ terricht wählen könne, ſo ziehe er die einfacheren Formen der franzöſiſchen Sprache den deutlicheren der lateiniſchen vor. Die Syntax ſei für die Bildung des logiſchen Denkens noch wichtiger als die Formenlehre. Aber auch in dieſer Be⸗ ziehung habe das Lateiniſche keinen Vorzug vor dem Franzöſiſchen. In modernen Sprachen ſeien die Gedanken nicht minder ſcharf ausgeprägt als in den antiken; Fehler gegen die Logik träten da, wo die Formen abgeſtumpft ſeien, viel leichter und deutlicher hervor als bei den vollen Formen der alten Sprachen.

Noch mehr ſpreche dafür der verſchiedene Inhalt der Uebungsſätze, an welchen man die lateiniſche und andererſeits die franzöͤſiſche Grammatik einüben könne. Im Franzöſiſchen könne man dabei an das anknüpfen, was dem Knaben bekannt ſei, die Beiſpiele aus dem ihn umgebenden Natur⸗ und Menſchenleben entnehmen, ſpäter zur Geſchichte übergehen und ſolche Teile derſelben wählen, die in deutſcher Sprache bereits durchgenommen ſeien u. ſ. w. Dies ſei ein natür⸗ lichernterrichtsgang; er entſpreche der allmählichen Entwickelung des Schülers. Im Lateiniſchen da⸗ gegen ſei ein ebenſo natürlicher Unterrichtsgang nicht möglich. Es gebe kein für neunjährige Knaben paſſendes lateiniſches Elementarbuch, weil es kein ſolches geben könne. Denn ent⸗ weder entnehme der Verfaſſer die Beiſpiele dem dernbtichen Leben; dann komme, weil das

ateiniſche eine todte Sprache ſei, etwas Un⸗ natürliches heraus; oder man entnehme die Beiſpiele den alten Klaſſikern oder bilde ſie dieſen nach; dann ſei ein Doppeltes möglich: entweder beſtänden die Beiſpiele aus Sentenzen, welche für die Knaben unverſtändlich ſeien, oder ſie enthielten Notizen aus der älteren Geſchichte und Geographie, welche die Schüler oft in einer Stunde durch alle Jahrhunderte der griechiſchen und römiſchen Zeit und durch alle Länder der alten Welt führten und in ihren Köpfen jene Gedankenloſigkeit und Verwirrung hervorbrächten, die man beim geſchichtlichen Unterricht nur zu ſehr zu beklagen habe.

Auch für die weitere Lektüre finde ſich, wenn man mit dem Lateiniſchen beginne, kein paſſender Stoff. Bücher wie den Weller'ſchen Herodot wähle man nicht, weil ſie modernes Latein ent⸗ halten. Man nehme vielmehr Chreſtomathien

mit Stücken aus Juſtin u. ſ. w., ſowie den Cornelius Nepos, über deſſen Wertloſigkeit für die geiſtige und ſittliche Entwickelung der Jugend kein Streit herrſche. Auch ob Phaedrus und Ovid, ob für zwoͤlfjährige Knaben Cäſar der geeignete Schriftſteller ſei, unterliege erheb⸗ lichen Zweifeln. Mehr als fraglich ſei es auch, ob die größere Schwierigkeit der lateiniſchen Lektüre für noch ſo junge Knaben wirklich einen Vorteil enthalte.

Dem etwaigen Einwande, daß das Lateiniſche früh begonnen werden müſſe, ſtellte Hr. Oſtendorf die Frage entgegen, ob denn eine moderne Kultur⸗ ſprache, wenn ſie dem Schüler bis zu einem gewiſſen Grade zu eigen werden ſolle, nicht früh begonnen werden muſſe. Freilich, bemerkte er, könne man das Lateiniſche, wenn man es erſt in dem Lebensalter der Unter⸗Tertianer beginne, nicht ſo betreiben, wie man es jetzt in Sexta betreibe; aber die ganze Art des lateiniſchen Un⸗ terrichts in Sexta ſei auch nichts als ein Anachronismus.

Man frage ferner, ob ſich im Lateiniſchen und im Griechiſchen noch genug leiſten laſſe, wenn man jenes drei Jahre ſpäter beginne. Er behaupte, dies ſei möglich, ſelbſt wenn alles, was jetzt gefordert werde, auch wirklich nothwendig wäre. Denn man beginne die alten Sprachen dann mit beſſer vorgebildeten Schülern und in beſſer geſichteten Klaſſen; und namentlich jeder Realſchul⸗Direktor kenne wohl aus eigener Er⸗ fahrung Beiſpiele genug, wie raſch tüchtige Knaben, welche durch das Betreiben einer neueren fremden Sprache vorgebildet ſind, ſich das Lateiniſche aneignen. Daß aber alles, was man jetzt in den alten Sprachen, namentlich in der lateiniſchen fordere, notwendig ſei, daß insbe⸗ ſondere das lateiniſch Sprechen und der lateiniſche Aufſatz) durch das anerkannte Endziel des alt⸗ ſprachlichen Unterrichts, in die Lektüre der Klaſſiker einzuführen, erfordert werde, müſſe er beſtreiten.

Man habe ferner behauptet, das Studium der neueren Sprachen werde durch einen vorher⸗ gegangenen Unterricht im Lateiniſchen weſentlich

efördert; letzteres ſei namentlich für die romani⸗

ſchen Sprachen Schloß und Schlüſſel. Dem ſei jedoch entgegenzuhalten, daß der voraufgehende lateiniſche Unterricht thatſächlich vielweniger Vor⸗ teile gewähre, als letzteres, wenn es voraufgehe, für das erſtere biete.

An der Diskuſſion beteiligten ſich vorzugs⸗ weiſe Geheimrat Dr. Wieſe und Gymnaſial⸗ Direktor Dr. Bonitz, jener der damalige Leiter

*) In der weſtfäliſchen Direktoren⸗Konferenz waren gewichtige Stimmen gegen den lateiniſchen Aufſatz; auf den

ſüddeutſchen Gymnaſien wird derſelbe nicht gefordert.