Aufsatz 
Die große Zahl der Abiturienten der höheren Lehranstalten und die noch viel größere Zahl von Schülern, welche den Schulkursus nicht vollenden, nötigen bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen unseres Volkes zu einer anderen, auch pädagogisch zweckmäßigeren Folge der fremden Sprachen im Unterricht / von Hempfing
Entstehung
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Unterrichts⸗Miniſter Dr. Falk zur Beratung wichtiger Fragen des höheren Schulweſens nach Berlin einberufen hatte. Wir erlauben uns jene Grundlage faſt unverkürzt hier mitzuteilen.*)

Von den bezüglich der Unterrichtspläne in der Verſammlung entwickelten Prinzipien weſentlich verſchieden war der Vorſchlag des Direktors Oſtendorf. Er ſprach den Wunſch aus, es möge durch das Geſetz geſtattet werden, von der bisherigen Einrichtung, nach welcher der ſprach⸗ liche Unterricht mit dem Lateiniſchen begonnen werde, abzugehen und denſelben vielmehr mit einer neueren Sprache, und zwar mit der franzöſiſchen, zu beginnen. Herr Oſtendorf bezeichnete den Einwand, den man gegen ſeinen bereits früher veröffentlichten Plan erhoben habe, daß nationale Bedenken deſſen Aus⸗ führung verhindern würden, als nicht ſtichhaltig*). Ebenſowenig könne von nationaler Gefahr die Rede ſein, wenn man die Schüler erſt Franzöſiſch lernen laſſe, um dann das Hauptgewicht auf das Lateiniſche zu legen, für welches der franzoſiſche Unterricht die Bedeutung eines propädeutiſchen Unterrichts haben ſolle.

Wenn man anführe, die Wahl der Refor⸗ matoren in Bezug auf die alten Sprachen dürfe nicht geändert werden, ſo ſei dagegen zu bemerken, daß die Reformatoren das Lateiniſche und Griechiſche für ihre Schulen nicht gewählt hätten, um dadurch die Schüler formal zu bilden, ſondern jene Sprachen ſeien unter den damaligen Ver⸗ hältniſſen als hauptſächliche Unterrrichtsgegen⸗ tände mit Notwendigkeit gegeben geweſen; ein anderer Grund höherer Bildung als durch das Lateiniſche habe damals unmöglich gelegt werden können. Die Übereinſtimmung der Völker, welche gegen ſeinen Vorſchlag ſprechen ſolle, hielt Redner ebenfalls nicht von großer Bedeutung. Er bemerkte in dieſer Beziehung, daß die romaniſchen Völker zum Lateiniſchen in einem ganz anderen Verhältnis ſtänden als das deutſche, da die Sprachen jener mehr oder weniger als Töchterſprachen des Lateiniſchen zu betrachten ſeien.

Für ſeinen Plan erklärte Hr. Oſtendorf, ſpreche die Natur der Dinge. Das Intereſſe der Schüler, worauf bei dem Unterricht ſo viel an⸗ komme, werde bei neunjährigen Knaben mehr durch eine neuere Sprache als durch das Latei⸗ niſche geweckt. Die Ausſprache⸗Uebungen, die in ſpäteren Lebensjahren nur ermüdend ſeien, hätten in jenem Alter etwas ſehr Bildendes; ſie ge⸗

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wöhnten an Aufmerkſamkeit, Ordnung, Nettig⸗ keit und wirkten günſtig auch auf die Ausſprache des Deutſchen zurück; die franzöſiſchen Vokabeln erlernten ſich leichter und ſicherer als die lateiniſchen; denn im franzöoͤſiſchen Unterricht könne man im Anfangsunterricht ſtets an Dinge anknüpfen, welche der Schüler kenne, vielleicht gerade vor Augen ſehe; im lateiniſchen Unterricht laſſe ſich dies nur in beſchränktem Maße durch⸗ führen. Die Formenlehre der franzöſiſchen Sprache ſei für den neunjährigen deutſchen Knaben bildender als die der lateiniſchen, und die Syntax der erſteren mindeſtens ebenſo bildend als die der letzteren. Man müſſe ſich nur klar machen, was der grammatiſſche Unterricht in einer fremden Sprache dei einem neunjährigen Knaben zunächſt bezwecke. Die Formenlehre ſoll nicht etwa den Scharfſinn üben; dafür wirkten andere Unterrichts⸗ egenſtände, namentlich in den ſpäteren Schul⸗ jahren. Sie habe den Zweck, denken zu lehren; in den Wortformen ſeien Denkformeneingeſchloſſen. Folglich ſeien für den Knaben nicht bloß alle Unregelmäßigkeiten, ſondern auch alle Verſchieden⸗ heiten der Wortform für daſſelbe Gedankenver⸗ hältnis wertlos. Fünf Deklinationen und vier Conjugationen hätten durchaus nicht mehr bildende Kraßt als eine Deklination und eine Conjugation haben würden; im Gegenteil, eine ſolche Fülle von Formen koͤnne den Knaben nur verwirren oder nehme wenigſtens ſeine Aufmerkſamkeit zu ſehr für die Form in Anſpruch, als daß er zu den darin eingeſchloſſenen Gedanken durchzudringen vermöchte. Der Mangel an jeder Deklination in den romaniſchen Sprachen ſei für den deutſchen Knaben kein Nachteil; er finde in jenen Sprachen Subjekt und Objekt durch die Stellung unter⸗ ſchieden, ſehe Genitiv und Dativ durch Vorwörter ausgedrückt und müſſe ſich nun auf die Form in ſeiner Mutterſprache beſinnen; ſo dringe er in die Bedeutung dieſer Formen ein und lerne denken, während bei dem lpverſehen aus dem Lateiniſchen und in das Deutſche aſt die ganze Aufmerkſamkeit des Schülers durch die fremden Formen in Anſpruch genommen werde, bei denen er ſich zunächſt nichts denke. Die Conjugation der romaniſchen Sprachen ſei weit bildender als die der lateiniſchen; letztere faſſe Aoriſt und Perfektum in eine Form zuſammen, desgleichen Conjunktiv und Conditionalis; erſtere unter⸗ ſcheide in der einen wie in der andern Hinſicht. Um recht bildend zu ſein, fuhr Hr. Oſtendorf fort, müßten die Formen einer fremden Sprache

*) Centralblatt für die geſamte Unterrichtsverwaltung Preußens. Jahrgang 1874. S. 85.

**) Von einem ſolchen Widerſtreben habe er wenigſtens in den weſtlichen Provinzen nichts bemerkt. Nachdem ſeit jener Zeit wiederum mehr als 12 Jahre verfloſſen ſind, iſt wohl ein ſolches Wiederſtreben nirgends mehr wahrzunehmen.

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